06.11.2026
Von Looksmaxxing bis Manosphere: Wie das Patriarchat toxische Online-Phänomene befeuert
Traditionelle Männlichkeitsbilder beherrschen viele Online-Phänomene. Sie fördern Sexismus und Rassismus und können dazu führen, dass immer mehr junge Männer auch politisch immer weiter rechts wählen. Die Gründe dafür sind vielseitig, doch es gibt ein Gegenmittel.
In ihrem neuen Buch „Der Mann, das Opfer“ schreibt Sophia Fritz von den negativen Auswirkungen, die das Patriarchat auf Männer hat. Zwar seien Männer privilegierter als Frauen, verdienen im Schnitt deutlich mehr und besetzen öfter Führungspositionen; dennoch, so Fritz, wolle kaum eine Frau mit ihnen tauschen. Das hat viele empirisch belegbaren Gründe: Die Privilegien der Männer seien eher auf Macht, Geld und Besitz ausgerichtet. In Sachen emotionaler Stärke, Empathie oder freundschaftliche Beziehungen sähe es schon ganz anders aus. „Männer bekommen im Schnitt zwar mehr Rente, haben in diesem Alter aber deutlich weniger stabile freundschaftliche Beziehungen“, so sagt sie.
Das ist auf vieles zurückzuführen. Aber eben auch auf das traditionelle Männerbild, das beiden Geschlechtern schadet. Frauen werden vom Patriarchat natürlich zusätzlich noch strukturell unterdrückt und benachteiligt, doch die Schäden, die bekommen alle Geschlechter zu spüren. Es gibt nun mal auch einen Grund, weswegen Männer früher sterben und häufiger schwere Krankheiten haben als Frauen. Eine aktuelle Studie besagt, dass Männer eine um 16 Prozent höhere Krankheitslast haben als Frauen. Das ist eine ganze Menge.
Männlichkeit in der Krise
Dennoch boomt die toxische Männlichkeit. Gerade online. Viele Männer fühlen sich von Manosphere-Influencern angezogen, von Männlichkeits-Coaches und rechten Parteien mit ihrem konservativen Rollenbild. Es ist für sie eine Rückkehr zu einer vermeintlich einfacheren Welt, in der alles klar geregelt war. Der Mann war das starke Geschlecht, der Bestimmer. Der Machthaber. Und die Frau dankbar, dass sie einen starken Mann und Versorger an ihrer Seite hatte. Durch Feminismus und Emanzipation bröckelt dieses toxische, unterdrückende Bild. Vielen Männer fühlen sich unter Generalverdacht gestellt, unsicher. Das ist eigentlich gar nicht nötig, erzeugt aber einen Leidensdruck. Und genau hier kommt für Sophia Fritz eine der großen Schäden des Patriarchats zum Vorschein: „Es ist ein dissoziiertes Leiden, das sich in einer extremen Spracharmut über das eigene Innenleben ausdrückt“, sagt sie in einem aktuellen Interview. „Männer sprechen tendenziell mehr, aber seltener darüber, wie es ihnen wirklich geht und was sie fühlen. Stattdessen hören wir von Männern oft Floskeln wie: ‚Wird schon wieder‘, oder ‚nicht so schlimm‘.“
Das sei aber einfach zu erklären und liege in der klassischen Männerrolle begründet: The silent type. Der starke Mann, der still und ohne zu murren alles erträgt. „Um überhaupt Gefühle vermissen zu können, müssten wir erst spüren, dass uns etwas fehlt“, so Sophia Fritz. Dieses Vakuum füllen viele Männer mit falschen Versprechen, die mit großem Erfolg durch das Internet irrlichtern. Männer-Coaches nutzen dieses diffuse Leid noch aus, indem sie ihrem eigenen Geschlecht das Geld für hanebüchene und oftmals nicht ungefährliche Seminare aus der Tasche ziehen, die Manosphere-Bubble boomt und macht Frauenhass zum Social-Media-Trend.
Die Manosphere schadet der Gesundheit
Diese Manosphere, also Online-Communities, Blogs oder Foren, in denen Internet-Nutzer antifeministische und frauenfeindliche Ansichten verbreiten, schadet. Und das nicht nur diffus, sondern bezifferbar. „Ein Forschungsteam schreibt in der Fachzeitschrift The Lancet, dass der Kampf gegen die Manosphere und gegen Frauenfeindlichkeit eine koordinierte Antwort braucht“, schreibt der Deutschlandfunk in einem neuen Artikel. Gefragt seien Regierung, Schulen, Gesundheitsdiensten und zivilgesellschaftlichen Organisationen – mit der Absicht, die Manosphere als Gesundheitsproblem zu behandeln und somit auf eine Stufe mit Rauchen oder Fettleibigkeit zu stellen.
In eine ganz ähnliche toxische Kerbe schlägt der sogenannte „Looksmaxxing“-Trend. Eng mit der Manosphere und antiquierten Männlichkeitsidealen verwandt, geht es hier darum, dass Männer das eigene Gesicht wie ein Produkt optimieren. Kinnlinie, Jochbein oder der Winkel der Augen werden nach einem willkürlichen Punktesystem bewertet, das dann eindeutige Aussagen über den „sexuellen Marktwert“ eines Mannes treffen soll. Das ist gefährlicher Nährboden für rechte Ideologien. Gut jeder vierte junge Mann, der Männlichkeits-Influencern folgt, so fand eine Studie heraus, fühlt sich wertlos. Die Folge: Looksmaxxing, aber auch übertriebener Fitnesswahn im Gym.
Somit ist es etwa für Julia Ebner nur ein kurzer Weg von Fitness zu Faschismus. Das zumindest beobachtet die Extremismusforscherin in ihrem gleichnamigen Buch „Von Fitness zu Faschismus.“ Sie sagt im SWR: „Grundsätzlich ist es natürlich mal was Positives, den Körper fit zu halten.“ Entscheidend sei aber eben, was daraus gemacht werde. Bei ihren Untersuchungen verschiedener Online-Communities und Subkulturen habe sie zunehmend beobachtet, wie Extremisten das Fitness-, Sport- und sogar Wellnessmilieu für ihre Rekrutierung unterwandern. Sportliche Aktivitäten werden hierbei mit ideologischen Botschaften verknüpft. Kein Zufall, dass der Körperkult auch im Nationalsozialismus einen hohen Stellenwert hatte. „Es beginnt oft mit einer Art Selbsthilfe-Forum oder einem Influencer, dem man folgt“, so Ebner. Von dort kann sich die Entwicklung jedoch schnell in eine extreme politische Richtung entwickeln.
Der Niedergang der Tradwives
Das Männerbild steckt in einer Krise. Eine Folge: Viele junge Männer wählen rechts oder konservativ, während viele junge Frauen links und progressiv wählen. Allerdings nicht alle Frauen: Die sogenannten Tradwives verkörpern all diese weiblichen Ideale, nach denen sich viele verunsicherte Männer heute sehnen: Sie sind die Heimchen am Herd, adrett gekleidet und fügsam, die ihren Mann mit frisch gekochtem Essen erwarten, Kuchen backen und ihm sexuell hörig sind.
Hier lässt sich jedoch ein interessanter Trend beobachten: Wie ein Artikel in der New York Times berichtet, kommt es in den USA, dem Ursprungsland des Trends, zu einer regelrechten Tradwives-Götterdämmerung. Viele dieser Frauen bekamen sehr jung Kinder, weil sich das anscheinend so gehörte, legten ihr Schicksal gänzlich in die Hände ihrer Ehemänner – und entdecken nun vermehrt, dass diese Männer ihr Vertrauen missbrauchen. Vielleicht auch durch den beginnenden Niedergang der MAGA-Bewegung und der Ära Trump bröckelt vielerorts der einst unerschütterliche Glaube in dieses konservative, unterdrückende Rollenbild. Zumindest abseits fundamental religiöser Kreise. Ansonsten ist das Fazit ernüchternd: Die meisten der Ex-Tradwives, so die New York Times, sind inzwischen getrennt oder geschieden.
Von einem Aufatmen kann dennoch keine Rede sein: Solange die Breite der Gesellschaft nicht bereit ist, ein neues, emotional offeneres und nicht auf Dominanz ausgelegtes Männerbild zu akzeptieren, wird es derlei Online-Strömungen auch weiterhin geben.
Was also kann helfen? Die Antwort ist eine, die man auf dieser Seite häufig findet: Medienkompetenz. Durch Aufklärung und Begleitung können insbesondere Kinder und Jugendliche auf andere Rollenbilder und Vorbilder aufmerksam gemacht werden. Diesen Weg geht etwa der Schriftsteller und Aktivist Fikri Anıl Altıntaş. Sein neues Buch „30 Real Boys“ zeigt neue männliche Role Models, die abseits von toxischer Männlichkeit, Muskelmassen oder Geld liegen. Damit ist er derzeit häufig in Schulen unterwegs, um zu vermitteln, dass Männer nicht hart sein müssen. „Ich will vermitteln, dass es total männlich ist, Gefühle zu zeigen und für seine Freunde da zu sein“, sagt er. Jetzt müssen es nur noch ganz viele andere nachahmen.
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