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Der Lehrer zeigt den Schülern Inhalte auf einem Tablet in einem hell beleuchteten Klassenzimmer.

23.10.2026

Handy an, Kopf aus? Wie Schulen und Eltern einen klugen Umgang mit Smartphones finden

Smartphones sind allgegenwärtig im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Wie lässt sich ein sinnvoller Umgang mit ihnen finden, ohne die Geräte pauschal zum Problem zu erklären oder ihre Risiken zu verharmlosen? Welche Regeln brauchen Schulen, was gehört in die Verantwortung der Eltern?

Lesezeit: 6 Minuten

Smartphones sind für Kinder und Jugendliche, wie für uns Erwachsene auch, Kommunikationsmittel, Informationsquelle, Organisationshilfe und sozialer Treffpunkt in einem Gerät. Auch vor dem Schultor machen sie nicht halt: Hausaufgaben werden über Klassenchats abgestimmt, kurzfristige Änderungen weitergegeben, Freundschaften gepflegt und Konflikte mitunter bis in den Unterricht getragen. Gleichzeitig können Benachrichtigungen ablenken, Gruppendruck erzeugen und Cybermobbing begünstigen.

Eltern als Vorbilder

Hier ist ein kluger Umgang gefragt, denn fest steht: Dieses Thema verschwindet nicht. Laut der JIM-Studie von 2025 besitzen 95 Prozent der Jugendlichen ein eigenes Smartphone und nutzen es regelmäßig. 68 Prozent geben an, häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen als geplant. 44 Prozent fühlen sich bei den Hausaufgaben dadurch abgelenkt. Das lässt viele vorschnell Verbote fordern, doch Medienpädagogin Filiz Tokat vom Stadtjugendring Stuttgart wünscht sich Differenzierung. „Auch wir sind nicht ohne Medien aufgewachsen, doch natürlich gibt es einen fundamentalen Unterschied: Heutige Eltern sind ohne Smartphones groß geworden“, sagt sie. „Daher kann man eine heutige Kindheit nicht mit einer früheren vergleichen. Für die Schülerinnen und Schüler gehört das Smartphone fest zum Alltag – auch weil sie sehen, wie häufig und selbstverständlich es Erwachsene benutzen. Das sollte man bei Diskussionen rund um die digitale Lebenswelt von Kindern nie vergessen. Sie können nachahmen, zudem sind die Geräte auch unseretwegen längst selbstverständlich für sie. Hier sollten wir alle an unsere Vorbildfunktion denken.“

Handyregeln statt Handyverbot

Baden-Württemberg setzt in dieser Hinsicht auf individuelle Schulordnungen statt auf ein einheitliches Handyverbot. Filiz Tokat begrüßt das: „Schulen sollten eine gewisse Individualität haben, um einige Dinge selbst entscheiden zu können“, sagt sie. Ich höre immer wieder von Schulen, die gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern, aber auch den Eltern Regeln erarbeiten.

Klare Regeln statt pauschaler Verbote

Statt auf Verbote zu setzen, fordert sie daher klare Regeln. Mit einem guten Argument: Ohne Regeln würde auch in der Welt der Erwachsenen nichts funktionieren. „Man denke nur mal, was passieren würde, wenn es keine Verkehrsregeln gäbe“, meint sie schmunzelnd. „Auch Experimente mit Erwachsenen zeigen, dass die bloße Anwesenheit eines Smartphones die Konzentration unterbricht, daher halte ich es für sinnvoll, Smartphones in der Unterrichtsstunde außer Reichweite zu haben. Doch die Lebensrealität eines Kindes wird nicht besser, nur weil wir die Smartphones wegschließen. Das hängt immer noch stark von der Lebenssituation, vom Umfeld und zahlreichen anderen Faktoren ab, die in dieser Diskussion oftmals übersehen werden. Digitale Medien allein sind nie das Problem. Und sie einfach aus der Gleichung zu nehmen, löst noch keine Probleme.“

Digitale Teilhabe darf keine Frage des Gerätebesitzes sein

Dennoch: Der Schulalltag wird zunehmend digitaler. Hausaufgaben, Verabredungen, Informationen zu Ausfällen oder kurzfristigen Änderungen werden über Klassenchats abgewickelt. Weil nicht alle Kinder Smartphones besitzen, besteht hier also zumindest theoretisch die Gefahr, dass sie abgehängt werden. Für Filiz Tokat sind hier klar die Schulen gefragt: „Wenn die Schule digitale Kommunikationswege zwingend zur Verfügung stellt, um schulische Informationen zu teilen, sollte die Schule sicherstellen, dass alle Schülerinnen und Schüler Zugang zu diesen Informationen haben.“

Klassenchats: Gemeinsam Regeln gegen Cybermobbing entwickeln

Die Schülerinnen und Schüler, die Teil eines Klassenchats sind, sollten so gut wie möglich darauf vorbereitet sein. Denn auch wenn ein solcher Chat den Zusammenhalt stärken kann, sind auch Stress, Gruppendruck, Streit und Cybermobbing mögliche Szenarien. 2,4 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben Cybermobbing schon erlebt. Ihr Anteil ist innerhalb von zwei Jahren von 18,5 auf 20,7 Prozent gestiegen. „Ich finde es sinnvoll, wenn die Klassen gemeinschaftlich Regeln für die Klassen-Chats und andere Kanäle erarbeiten“, sagt sie. „Zuvor sollten die Lehrkräfte jedoch Prävention betreiben und über Risiken aufklären. Am besten, Klassen und Lehrkräfte erarbeiten gemeinsam einen Interventionsplan. Regeln, die Schülerinnen und Schüler selbst aufstellen, werden eher akzeptiert. Eine Empfehlung ist zudem: Schulen sollten in den mittlerweile verpflichtenden Schutzkonzepten auch die digitalen Lebenswelten ihrer Schülerinnen und Schüler mitdenken und Interventionsstrategien festlegen.“

Cybermobbing: Zuhören, ernst nehmen, Schuldgefühle nehmen

Trotz solcher Interventionspläne gibt es viele Kinder, die von Cybermobbing betroffen sind. Für den Umgang mit ihnen rät Filiz Tokat vor allem eines: „Wir dürfen nie vergessen, dass es hier um Kinder geht. Daher ist schon die Wahl der richtigen Sprache entscheidend. Am besten spricht man nicht von Tätern und Opfern, sondern von Tatverantwortlichen und Betroffenen.“ Elementar wichtig sei zudem, dass Eltern ein offenes Ohr für ihre Kinder haben und sich bewusst von deren digitaler Lebenswelt erzählen lassen. „Denn die Chance“, so Tokat, „dass Kinder nicht gleich etwas erzählen, ist relativ hoch. Eltern sollten zudem auf Anzeichen achten. Hat das Kind einen Leistungsabfall? Hat es unerklärliche körperliche Beschwerden? Und wenn sich das Kind anvertraut, dann gilt es, Ruhe zu bewahren und immer wieder zu betonen, dass das betroffene Kind keine Schuld hat.“

Auch digitale Nähe stärkt Kinder

Ganz allgemein rät Filiz Tokat Lehrkräften und Eltern, an der digitalen Lebenswelt der Kinder interessiert zu sein. „Eltern kann ich nur empfehlen, gemeinsam mit ihren Kindern mediale Erfahrungen zu machen und zu zeigen, wie kreativ man diese Medien im Gegensatz zur rein passiven Nutzung verwenden kann“, sagt sie. „Ich lasse mir liebend gern Dinge von Kindern erklären.“ Das hat einen großen psychologischen Effekt auf Kinder und kann aufgrund einer gewissen Resilienz sogar vor Mobbing schützen.

Björn Springorum

Über den Autor

Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.

Björn Springorum

Freier Journalist und Schriftsteller