10.07.2026
Überblick: Das tut sich weltweit in Sachen Social-Media-Verbot
Es gibt mehr und mehr Vorstöße, den Zugang zu Social Media für Minderjährige zu beschränken oder gar zu verbieten. Ein halbes Jahr nach dem ersten Vorstoß Australiens haben sich diese Bestrebungen weltweit ausgeweitet – mit ganz unterschiedlichen Entwicklungen.
Lesezeit: 7 Minuten
Social Media und psychische Gesundheit
Social Media ist nicht per se gefährlich oder schädlich. Insbesondere jüngere Menschen laufen aber Gefahr, bei übermäßiger oder falscher Nutzung bleibende psychische oder körperliche Schäden davonzutragen. Studien haben mehrfach die Korrelation zwischen Social-Media-Nutzung und Depression oder Angstzuständen betont. Zudem sind Schlafstörungen oder Essstörungen weit verbreitete Resultate. In aller Kürze zusammengefasst lässt sich somit sagen, dass es einen Zusammenhang zwischen der intensiven Nutzung sozialer Medien und schlechter psychischer Gesundheit gibt.
Testfall Australien
Seit Jahren gibt es deswegen Bestrebungen, die Nutzung von Social Media zu reglementieren. Ernste Mental-Health-Bedenken, Cybermobbing und der stark angestiegene Smartphone-Gebrauch durch die Coronapandemie ließen weltweit die Alarmglocken schrillen. Es dauerte dennoch bis 2024, bis Australien als erstes Land ein Social-Media-Verbot gesetzlich verankert: Den Online Safety Amendment (Social Media Minimum Age) Act 2024, der die großen Plattformen dazu verpflichtet, Nutzer unter 16 Jahren von der Führung von Konten auszuschließen.
Der entscheidende Unterschied: Die Verpflichtung liegt bei den Plattformen – und eben nicht mehr bei den Kindern oder Eltern. Das Gesetz trat am 10. Dezember 2025 in Kraft und machte Australien damit zum ersten Land, das eine landesweite, altersabhängige Beschränkung für soziale Medien einführte. Plattformen müssen in Australien ab sofort mit erheblichen Geldstrafen rechnen, wenn sie keine „angemessenen Maßnahmen“ ergreifen, so heißt es.
Anfangs wurde das Verbot von vielen euphorisch und neugierig aufgenommen, Australien wurde zu einer Art globalem Testfall, den zahlreiche andere Regierungen sehr genau beobachteten. Doch die Umsetzung verläuft durchwachsen: Regierungsberichte zeigten zwar erst, dass Plattformen Millionen von Konten Minderjähriger gelöscht haben, doch Forscher stellten bald darauf fest, dass viele Jugendliche die Regeln nach wie vor umgehen können, indem sie einfach ein falsches Geburtsdatum angeben oder andere Umgehungsmöglichkeiten nutzen. Die Gretchenfrage war und ist: Wie lässt sich das Alter einer Person überprüfen, ohne dabei erhebliche Datenschutzbedenken zu wecken?
Großbritannien zieht nach
Trotz der gedämpften Euphorie ist Australiens Vorstoß wichtig. Er hat gezeigt, dass man Plattformen nicht frei schalten und walten lassen kann und zur Verantwortung ziehen muss. Nun geht es in anderen Ländern natürlich darum, diese ersten Regulierungen zu verfeinern und zu stärken – allen voran in Großbritannien. Mit dem „Online Safety Act“ verfügt man bereits über eine der weltweit strengsten Regelungen zur Online-Sicherheit, doch das reicht nicht mehr: Die Debatte hat sich mittlerweile auf eine Beschränkung für unter 16-Jährige nach australischem Vorbild ausgeweitet. Schon Anfang 2027 soll dieses Gesetz in Kraft treten und somit genau Australiens Vorbild folgen.
Und das ist nicht alles: Die britische Regierung hat große Tech-Unternehmen erst im Juni 2026 dazu verpflichtet, Handys kindersicher zu machen. Demnach haben Google, Apple und Co. drei Monate Zeit, um eine Technologie zu entwickeln, die das Versenden, Empfangen und Erstellen von Nacktbildern verhindern soll. Danach werden sie dazu „gezwungen“.
Die Situation in Deutschland
In Deutschland gibt es derzeit kein Social-Media-Verbot. Dennoch tut sich einiges. Erst Ende Juni 2026 legte die Expertenkommission der Bundesregierung ihre Empfehlungen zum Kinder- und Jugendschutz im Netz vor. Seit Herbst 2025 wurde an der Frage gefeilt, wie sich junge Menschen in der digitalen Welt besser schützen lassen, jetzt sind die Ergebnisse da. Wie sich die Politik letztlich entscheiden wird, ist noch unklar: Anfang 2027 soll daher zunächst die digitale Brieftasche „EUDI-Wallet“ eingeführt werden. Sie überträgt den Ausweis auf das Smartphone und soll künftig das Alter bestätigen.
Entwicklungen in anderen Ländern
Die Debatte über ein Social-Media-Verbot wird längst europaweit geführt. Auch in Dänemark soll ein gesetzliches Mindestalter für die Nutzung von Social Media eingeführt werden. Hier soll die Nutzung ab 15 Jahren möglich sein – bei elterlicher Erlaubnis aber bereits ab 13 Jahren. Noch sind die Pläne unklar, womit die tatsächliche Umsetzung noch etwas dauern könnte.
In Frankreich stimmte die Nationalversammlung Ende Januar für ein Gesetz, das Social-Media-Zugang erst ab 15 Jahren erlaubt. Die Abgeordneten entschieden sich mit großer Mehrheit von 130 zu 21 Stimmen für eine Reglementierung von Instagram, Snapchat oder TikTok. Nun hat allerdings die EU entschieden, dass die Regierung an diesem Gesetzentwurf nachbessern muss. Der französische Senat hatte zuvor ein Gesetz beschlossen, das eine Liste „schädlicher“ Onlinedienste festlegen soll, die dann für Kinder unter 15 Jahren verboten sein werden. Alle anderen sollen mit Einverständnis der Eltern weiter erlaubt sein. Die EU sah darin einen zu großen Eingriff in ihre Kompetenzen, Frankreich muss nachbessern.
In Österreich ist in Kürze mit einem finalen Gesetzentwurf zu rechnen, das Social-Media-Nutzung für alle unter 14 Jahren einschränkt. Für die Umsetzung des Social-Media-Verbots soll eine zweistufige Online-Alterskontrolle eingeführt werden, bei der keine persönlichen Daten weitergegeben werden. Auch darauf dürften andere Länder mit großem Interesse blicken. Eine schwarze Liste für bestimme Plattformen und Apps soll es aber nicht geben. Stattdessen soll die Altersbeschränkung für alle Plattformen mit bestimmten Eigenschaften gelten.
Ganz ähnliche Entwicklungen sind in Polen, Spanien, Norwegen, Griechenland und Italien zu beobachten. Der einhellige Tenor europaweit lautet: Social Media kann für junge Menschen schädlich sein, die User müssen besser vor den Gefahren geschützt werden. Es geht in der Debatte also nicht länger nur darum, die Plattformen sicherer für junge Nutzerinnen und Nutzer zu machen, sondern immer öfter darum, ob diese Plattformen von Menschen unter einem gewissen Alter überhaupt genutzt werden sollten. Es ist damit zu rechnen, dass es in den nächsten Jahren zahlreiche Verbote für Kinder unter einem bestimmten Alter geben wird.
Außerhalb der EU
Und außerhalb der EU? Tut sich auch etwas. Ein Social-Media-Verbot für alle unter 15 Jahren gilt ab sofort in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wobei die Emirate das erste arabische Land sind, das diesen Weg geht. In den USA gibt es kein landesweites Verbot, jedoch fallen immer wieder einige Staaten mit Vorstößen auf. Utah war etwa der erste Bundesstaat, der Social-Media-Beschränkungen für Minderjährige einführte. Dort gibt es nächtliche Sperrzeiten oder elterliche Einsicht in Accounts. In Staaten wie Florida und New York gibt es mittlerweile ähnliche Pläne, den Zugang für Kinder unter 16 Jahren stark zu beschränken oder von elterlichen Genehmigungen abhängig zu machen wollen.
Es ist somit noch ein weiter Weg bis zu allgemein geltenden gesetzlichen Regelungen oder Verboten für soziale Medien.
Über den Autor
Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.
Björn Springorum
Freier Journalist und Schriftsteller
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