19.03.2026
Stuttgarter Tage der Medienpädagogik: Zwischen Likes und Leere. Wie stärken wir digitales Wohlbefinden?
Am 18. März öffneten die Stuttgarter Tage der Medienpädagogik einen Raum voller Gespräche, Fragen und Reflexionen darüber, wie wir in der digitalen Welt leben, lernen und miteinander umgehen wollen. Die Veranstaltung war bereits im Vorfeld ausgebucht. Die Bandbreite der Teilnehmenden spiegelte sich in den Diskussionen wider: Jung und Alt, Eltern, Fachkräfte und Seniorinnen und Senioren.
Wie viel Bildschirmzeit wünsche ich mir?
Ein starker Auftakt gelang Prof. Dr. Sabine Trepte von der Universität Hohenheim mit ihrem Vortrag über soziale Unterstützung versus Selbstoptimierung. Die provokante Frage: „Sind wir wirklich glücklich, wenn unsere Bildschirmzeit steigt?“, setzte den Ton. Es ging darum, wie wir uns selbst und anderen im digitalen Zeitalter guttun können, wie wir den digitalen Raum zurückerobern und die Chancen von Social Media und KI nutzen – Austausch, Kreativität, Lernen, Verbindung mit Gleichgesinnten – ohne dass negative Erfahrungen die Oberhand gewinnen.
Im Gespräch mit Abdirahman Ahmed, Vorsitzender Landesjugendbeirat Baden-Württemberg, und Prof. Dr. Clarissa Henning, Professorin an der Hochschule der Medien Stuttgart, wurde deutlich: Viele Menschen spüren beim Online-Sein die positiven Seiten nicht mehr. Angst vor Shitstorms, Unsicherheit, wie man sich ausdrücken soll, und das Gefühl, dass digitale Gewalt und Fake News die Oberhand gewinnen, hemmen oftmals das eigene Engagement. Dabei wäre genau das die Lösung gegen Hass und Falschinformationen. Prof. Dr. Trepte betonte die Studienlage, aus der hervorgeht, dass Zivilcourage im Netz einen positiven Einfluss auf die Meinungsbildung anderer hat – auch dann, wenn die eigene Meinung von der Mehrheit abweicht, wie aktuelle Forschungen zu Minderheitenpositionen zeigen. Aus diesem Grund wurde nach Wegen gesucht, das Positive zurückzugewinnen, wie beispielsweise neue Plattformen, Filtermechanismen oder das bewusste Kuratieren von Inhalten.
Von der Sucht zur Prävention
Maximilian Schober von Institut Jugend Film Fernsehen, München (JFF) stellte in seinem Impulsvortrag hingegen die provokante Frage ob digitales Wellbeing in einer zunehmend digitalisierten Welt überhaupt ausreichend ist. Seine medienpädagogische Perspektive ergänzte das folgende Panel hervorragend. Besonders eindrucksvoll war der Einblick von Justin Swiencki vom Digital Balance e.V. Er erzählte offen, wie er selbst zeitweise zwischen zehn und zwölf Stunden am Tag Videospiele spielte und wie er aus dieser Spielsucht herausfand. Heute arbeitet er präventiv mit Jugendlichen und teilt seine Erfahrungen, um anderen zu helfen. Auf der anderen Seite berichtete Christa Rahner-Göhring (Netzwerk sii), wie viele ältere Menschen noch immer vor digitalen Medien zurückschrecken. Die Diskrepanz zwischen den Generationen wurde greifbar: Während junge Menschen Gefahr laufen, in exzessiven Medienkonsum zu rutschen, stehen ältere Menschen vor der Herausforderung, überhaupt Zugang und Motivation zu finden, sich mit digitalen Medien auseinanderzusetzen. Die zwischen den Generationen stehenden Eltern sind auf allen Seiten verantwortlich, häufig überfordert, aber entscheidend für das Verständnis zwischen den Generationen.
Ein zentrales Fazit des Tages: Wir haben die Macht, etwas zu bewegen. Wir können Menschen zum Nachdenken bringen, falsche Überzeugungen hinterfragen und digitale Gewalt nicht unkommentiert lassen – online wie offline. Schon kleine Schritte, wie konstruktive Kommentare, positive Inhalte oder das Setzen von Grenzen für Bildschirmzeiten, können viel bewirken. Die Einbindung von Digital Well-Being, der Schutz von Kindern durch Aufklärung, und Angebote für positives digitales Lernen wurden als essenziell hervorgehoben. Die humorvolle Kongressbegleitung des Comedy-Kollektivs Luksan Wunder erinnerte die Anwesenden daran, dass Social Media uns auch schon viel Freude und Kreativität gebracht hat – in Form von witzigen, oftmals amateurhaften Videos, die die kleinen Momente im Leben in Szene setzen, wie die Frau, die sich den Zeh anstößt, oder das Reh, das durch den Spielplatz läuft.
Nacharbeiten für uns alle
Die Veranstaltung bot zudem konkrete Hilfestellungen, etwa zu Cybergrooming und sicheren Vorgehensweisen, wenn Kinder bedroht werden. Weitere Informationen zum nachlesen finden sich in den Taskcards der Veranstaltung.
Die Stuttgarter Tage der Medienpädagogik haben gezeigt: Digitale Medien können unser Leben bereichern. Entscheidend ist, wie wir sie nutzen, wie wir Kinder und Jugendliche begleiten, wie wir Generationen verbinden und wie wir uns gegenseitig in einem respektvollen, kreativen und gesunden Umgang unterstützen.
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