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18.09.2026

KI, Fake News, Pressekodex. Wie geht es dem Journalismus?

Deutschland rutscht in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit derzeit Jahr für Jahr tiefer ab. Zugleich sieht sich der Journalismus riesigen Herausforderungen ausgesetzt. Warum es jetzt wichtiger denn je ist, für echten, menschengemachten Journalismus einzustehen.

Lesezeit: 7 Minuten

Die KI befeuert Fake News, die sozialen Medien setzen Userinnen und Usern zunehmend nur noch Content aus ihrem eigenen Überzeugungsfeld vor, Influencer konkurrieren mit etablierten Medien um Klicks, die knappe Finanzlage lässt auch etablierte Medienhäuser ächzen. Warum das alles dennoch kein Grund für Pessimismus ist, verrät Carolin Buchheim, Chefredakteurin der Badischen Zeitung und Verfechterin eines inspirierenden Optimismus.

„Ohne freie Presse ist eine Demokratie nicht möglich.“

Frau Buchheim, wie geht es dem Journalismus?

Man darf vor lauter Weltlage den Optimismus nicht verlieren. Aber klar ist dennoch: Der Journalismus ist einer Vielzahl von Herausforderungen ausgesetzt. Finanzieller Natur, aber auch struktureller, politischer, technologischer Natur. Gleichzeitig sehe ich überall, wo ich hinschaue, Kolleginnen und Kollegen, die hervorragenden Journalismus machen. Nicht nur bei uns im Haus, sondern in ganz Deutschland.

Wo liegt der Wert des freien Journalismus?

Ohne freie Presse ist eine Demokratie nicht möglich. Aber was bedeutet das eigentlich, frei? Vor allem die Freiheit von einer politischen Beeinflussung. So ist es im Grundgesetz verankert. Gleichzeitig ist die freie Presse in Deutschland und in der ganzen Welt gefährdet, kann nicht frei, ungehindert oder unzensiert an die Menschen herankommen. Ein Problem sind die großen Social-Media-Plattformen, die zwischen uns und den Menschen stehen und es bisweilen unmöglich machen, diese Menschen ungehindert und ungefiltert zu erreichen. Dennoch müssen auch wir auf diesen Plattformen präsent sein – ein Paradox, das uns voll bewusst ist und nur durch Regulierung gelöst werden kann.

„Haltung, Transparenz, Ehrlichkeit“

Wie kann man sich heute überhaupt noch Unabhängigkeit leisten?

Indem wir konsequent einen hochwertigen und vielfältigen Journalismus machen, der auf die Lebenswelten unserer Leserinnen und Leser zugeschnitten ist. Das bedeutet übrigens nicht, ihnen nach dem Mund zu schreiben, nur weil sie das Blatt abonnieren. Ich kann gut damit leben, wenn jemand mit dem, was wir schreiben, unzufrieden ist. Es geht viel mehr um Haltung, um Transparenz und um Ehrlichkeit. Ich bin eine große Freundin des Aushaltenkönnens von unterschiedlichen Haltungen, Meinungen, Lebensgeschichten, Perspektiven. Das müssen auch die Leserinnen und Leser wieder lernen. Kulturell ist uns das etwas abhandengekommen. Als Userinnen und User sind wir personalisierte Inhalte gewöhnt, die genau in unsere Denke passen. Ein regionales Medienhaus sehe ich da klar in der Verantwortung, die Menschen auch mit anderen Meinungen und Themen zu konfrontieren. Solange man sichtbar und ansprechbar bleibt für die Menschen, beobachten wir, dass
sie dann auch andere Standpunkte besser nachvollziehen können.

„Es könnten goldene Zeiten auf uns zukommen.“

KI verändert den Journalismus massiv. Liegt darin auch eine Chance?

Eine große sogar. Für uns ermöglicht KI im besten Fall eine Fokussierung auf urjournalistisches Tun. Sie befreit uns von diesem Ballast, alles schnell an unsere Lesenden weitergeben zu müssen. Das bekommen sie in ihren personalisierten digitalen Blasen eh, zigmal schneller als von einer Tageszeitung. So können wir uns wieder auf das konzentrieren, was wirklich zählt – richtiger Journalismus. Tiefe Recherche, Kontakt vor Ort halten, Geschichten aufspüren. Es könnten goldene Zeiten auf uns zukommen, weil wir uns von Redakteurinnen und Redakteuren wieder mehr zu Reporterinnen und Reportern vor Ort entwickeln. Und das ist doch genau der Grund, weshalb die allermeisten von uns diesen Job gewählt haben.

Wie können Zeitungen das Vertrauen der Leserschaft zurückgewinnen?

Indem ich als Leserin oder Leser weiß, dass da in der Redaktion ein Mensch arbeitet. Ein Mensch, den ich erreichen kann. Unsere Pop-up-Redaktionen und Begegnungsformate zeigen uns immer wieder, dass es funktioniert, wenn wir den Journalismus zu den Menschen bringen. In einem Elfenbeinturm sitzen dürfen wir natürlich nicht. Wir müssen mit den Menschen sprechen, müssen sie befragen, ihnen zuhören. Doch die Präsenz der Presse vor Ort hat durch die Prozesse der vergangenen Jahre rapide abgenommen. Das müssen wir uns zurückerobern.

Viele Menschen scheinen in Zeiten von Influencern zu vergessen, dass Journalismus ein Handwerk ist, ein Ausbildungsberuf…

Das wissen tatsächlich viele Menschen nicht. Die journalistische Ausbildung hat sich stark verändert und muss das in technologischer Sicht wahrscheinlich noch viel mehr tun, doch es ist ein fantastisches Berufsfeld, das so viel vereint. Was wir dabei aber nie aus den Augen verlieren dürfen, sind ethische Maßstäbe, hervorragende Recherchefähigkeiten und neutrale Berichterstattung. Das geht insbesondere in boomenden Influencer-Zeiten manchmal verloren.

„Grundpfeiler unserer Demokratie“

Für viele ist der Unterschied zwischen Influencer und Journalist nicht klar. Sehen Sie Influencer-Tum eher als Chance, dass Journalistinnen und Journalisten auch zu einer Marke werden können?

Das kommt darauf an. Wenn ich Nachrichten mache, muss ich meine Quellen nennen. Und da gibt es manche Newsfluencer, die das auch ganz hervorragend machen. Solange man sich bewusst ist, was man tut, ist dagegen absolut nichts einzuwenden. Die journalistische Arbeit darf nur nicht darunter leiden.

Journalistische Arbeit leidet auch unter der stetig torpedierten Pressefreiheit auch in Deutschland. Was ist daran besonders alarmierend?

Wenn wir nicht mehr unbeeinflusst unserer Arbeit nachgehen, verlieren wir einen Grundpfeiler unserer Demokratie. Es darf nicht sein, dass Journalisten wegen dem, worüber sie schreiben, Gefahr droht. Wir müssen darauf vertrauen können, dass wir unserer Arbeit ohne Einschränkungen, ohne Angst um körperliche Unversehrtheit nachgehen können, weil sonst die Gefahr besteht, dass man über gewisse Dinge nicht länger berichtet. Das darf es nicht geben. Und doch geschieht es: Manche Kolleginnen und Kollegen in Ostdeutschland kennzeichnen ihre Fahrzeuge nicht mal länger als Presse, weil sie sonst beschädigt werden.

Was darf der Journalismus nie verlieren?

Die Unabhängigkeit, das Bewusstsein für Handwerk und hervorragende Recherche und den Fokus auf das, was für Menschen und für die Gesellschaft wichtig ist.