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Grafik einer Frau, die niedergeschlagen vor ihrem Laptop sitzt. Aus dem Laptop kommen Hände, die auf sie zeigen uns Hasskommentare

13.05.2026

Digitale Gewalt muss endlich als reale Gewalt anerkannt werden

Der Fall Collien Fernandes hat offengelegt, wie diffus und lückenhaft unser Wissen über digitale Gewalt ist – und welche Probleme es bei der strafrechtlichen Verfolgung gibt. Ein neuer Gesetzentwurf soll das ändern. Doch zugleich muss ein Umdenken in unserer Gesellschaft stattfinden. Dabei spielt auch Medienpädagogik eine zentrale Rolle.

Lesezeit: 8 Minuten

Was ist digitale Gewalt?

Unter digitaler Gewalt versteht man Gewalt, Belästigung oder Kontrolle, die mithilfe digitaler Technologien ausgeübt wird. Cybermobbing, Hassnachrichten, Bedrohungen, das unerlaubte Veröffentlichen persönlicher Daten oder Bilder, KI-erzeugte Bilder sowie digitale Überwachung durch Partnerinnen und Partner oder Dritte. Das große Problem bei digitaler Gewalt ist: Wie definieren wir sie genau? Es ist schwer, aufzuzeigen, wo sie beginnt, zumal jede Gewalterfahrung immer auch eine subjektive ist.

„Gewalt ist etwas sehr Individuelles“, betont Judith Strieder von der gemeinnützigen Organisation HateAid, die Menschen unterstützt, die von digitaler Gewalt, Hassrede und Online-Belästigung betroffen sind. Dafür wurde sie jetzt mit dem Günther Wallraff-Preis 2026 ausgezeichnet. „Menschen haben unterschiedliche Hemmschwellen aufgrund eigener Erfahrungen oder Umgangsstrategien. Deswegen sprechen wir dann von Gewalt, wenn die betroffene Person es so erlebt. Es ist wichtig, da nichts zu bagatellisieren oder zu verharmlosen.“

Auch wenn man digitale und analoge Gewalt nicht vergleichen oder gleichsetzen kann: Gewalt bleibt Gewalt. „Digitale Gewalt aktiviert ähnliche Gehirnareale wie analoge Gewalt, auch die Symptome bei Betroffenen ähneln sich sehr“, so Judith Strieder. „Wenn man einer Person persönlich gegenübersteht, wird automatisch das für Empathie zuständige Gehirnareal aktiv. Am Bildschirm passiert das aber eben nicht. Es ist also viel leichter, digitale Gewalt auszuüben.“ Wichtig zu betonen ist ihr: „Digitale Gewalt kann auch offline stattfinden. Selbst Menschen, die nicht in den sozialen Medien aktiv sind, können digitale Gewalt erfahren – per SMS oder auf dem Anrufbeantworter.“

Welche Formen von digitaler Gewalt gibt es?

Digitale Gewalt kann zahlreiche Formen annehmen – doch „Beleidigung ist die häufigste Form der digitalen Gewalt“, weiß Judith Strieder von HateAid. „Die bildbasierte sexualisierte Gewalt ist ebenfalls konstant hoch und steigt weiterhin– also das Verbreiten, und Veröffentlichen intimen Bildmaterials, sexuelle Erpressung (Sextortion) und die Erstellung von (sexualisierten) Deepfakes.“ Die Technologie hat das Themenfeld der digitalen Gewalt in den letzten Jahren drastisch erweitert. „Auffällig ist auch“, so Judith Strieder, „dass wir regelrechte Trends bei digitaler Gewalt beobachten – Phänomene, die zu einer gewissen Zeit gehäuft auftreten.“ Dazu Sextortion oder Cyberflashing, also das ungefragte Zusenden von Dickpics, via AirDrop.

Ganz allgemein steigen die Fälle von digitaler Gewalt seit Jahren spürbar an. „Wir sind uns sicher, dass das auch mit der gestiegenen Anspannung und Frustration in unserer Gesellschaft zu tun hat. Viele Menschen nutzen den digitalen Raum als Ventil, um Frust abzulassen.“

Welche Gruppen sind besonders betroffen?

Wichtig zu betonen ist Judith Strieder, dass geringfügig mehr Frauen als Männer in der Betroffenenberatung bei HateAid ankommen. „Frauen werden aber in der Regel härter und auf eine andere Art angegriffen. Männer erfahren Gewalt auf einer anderen Ebene, wohingegen Frauen viel öfter sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Über 90 Prozent aller Deepfakes sind sexualisiert und über 99 Prozent davon zeigen Frauen. Die KI ist oftmals tatsächlich gar nicht in der Lage, täuschend echte männliche Körper zu erstellen. Darauf wurde sie gar nicht trainiert.“

Wie bei analoger Gewalt, trifft es auch bei digitaler Gewalt marginalisierte Gruppen besonders hart – Frauen, queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte. „Intersektionalität spielt auch hier leider eine große Rolle. Eine Schwarze Frau wird sehr wahrscheinlich noch stärker angegriffen als eine weiße. Zudem trifft es auch Journalistinnen und Journalisten oder Personen des öffentlichen Lebens häufiger und härter.“

Was kann man dagegen tun?

Elisabeth Abanda und Franziska Kuhn sind bei der Servicestelle Friedensbildung der Landeszentrale für politische Bildung zuständig. Sie wissen, dass digitale Gewalt häufig ein Spiegel der analogen Gewalt ist – und entsprechend thematisiert werden muss. „Wir arbeiten nach dem Gewaltdreieck von Johan Galtung, das drei Gewaltformen beinhaltet: direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt“, sagt Elisabeth Abanda. Diese Formen der Gewalt hängen voneinander ab und machen das Erfassen digitaler Gewalt zunächst diffus und komplex. „Doch genau da muss man ansetzen: Friedensbildung beginnt mit Medienbildung. Und das idealerweise schon im Klassenzimmer.“

Der digitale Raum hat der Gewalt viel mehr Möglichkeiten gegeben, sich auszubreiten, ergänzt Franziska Kuhn. „Viele sind sich nicht bewusst, dass sie gerade digitale Gewalt ausüben. Daher müssen wir für diese neuen Formen der Gewalt sensibilisieren.“ Eine große Rolle spielt hier auch eine gewisse Abstumpfung. „Viele Gewaltdarstellungen sind mittlerweile regelrecht normalisiert“, sagt sie. „Wir konsumieren Gewalt in Filmen oder Videos, sind ständig neuen Schreckensmeldungen und Horrorszenarien ausgesetzt. Das macht etwas mit uns. Und genau da müssen wir ansetzen. Wir müssen zeigen, dass Gewalt kein Normalzustand ist. Dass es nicht nur schlechte, sondern auch immer noch gute Nachrichten gibt.“

In ihrer Arbeit setzen sich die beiden dafür ein, dass die verschiedenen Formen von Gewalt überwunden werden – mit Workshops oder Unterrichtsmaterialien. „In vielen Fällen hilft ein Perspektivwechsel, um Gewalt zu verstehen“, so Elisabeth Abanda. „Bei unserer Arbeit mit Schulklassen merken wir häufig, dass wir etwas bewegen können, wenn wir die Schülerinnen und Schüler bitten, sich mal in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen.“ Das könnten natürlich auch wir Erwachsenen gerne häufiger tun. „Emotionsregulation ist ein guter Ansatz“, nickt Elisabeth Abanda. „Da können wir alle bei uns selbst anfangen. Jeder von uns geht anders mit Konflikten um, hat ein anderes Eskalationspotential. Es lohnt sich, das genau zu beobachten und zu überlegen, woran es liegt, wenn man schnell gereizt ist. In fast allen Fällen steckt eben mehr dahinter.“

Gewalt – ganz gleich, ob analoge oder digitale – sollte niemals normalisiert werden. Da kommt es auch auf Lehrkräfte, Eltern und Erziehende an, mit gutem Beispiel voranzugehen und sich für ein friedlicheres, gewaltarmes Klima einzusetzen.

Die schwierige rechtliche Lage

Die strafrechtliche Verfolgung von digitaler Gewalt ist in Deutschland schwierig – und das, obwohl viele Handlungen strafbar sind. Das hat viele Gründe: Der digitale Raum bietet Tätern viel mehr Anonymität, Inhalte im Netz können schnell gelöscht werden und es fehlt vielen Ermittlungsbehörden an technischem Know-How. Da muss dringend ein Update her, findet auch Judith Strieder von HateAid. „Wir haben schon vor einiger Zeit Forderungen an einen Gesetzentwurf zu digitaler Gewalt veröffentlicht“, sagt sie. Dieser Gesetzentwurf ist jetzt da – und aus ihrer Sicht ein erster wichtiger Schritt. „Aber natürlich nicht der letzte“, betont sie. „Das Problem ist, dass sich die Technologien rasend schnell entwickeln und die Justiz da ganz einfach nicht so schnell mitkommt. Der digitale Raum wird unserer Meinung nach noch zu wenig von der Justiz beobachtet. Da gibt es einfach noch zu viele Lücken und zu viele Grauzonen, bei denen die Plattformen zu wenig zur Verantwortung gezogen werden. Nur ein Beispiel: Die Erstellung sexualisierter Deepfakes ist bisher keine Straftat, ihre Verbreitung nur schwer nachverfolgbar. Da muss natürlich schnell etwas passieren.“

Der neue Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt sieht zwei Säulen vor: Er will Lücken im Strafrecht schließen und etwa die Herstellung und auch die Verbreitung ungewollt echter oder mithilfe von künstlicher Intelligenz hergestellter Sex-Videos verbieten. Und Betroffenen effektiver bei der Durchsetzung ihrer Rechte helfen. Wie so oft kommt es nun also auch auf den Umgang mit den großen Plattformen an. Es bleibt zu hoffen, dass sie mit diesem neuen Gesetz endlich stärker in die Verantwortung genommen werden.

Björn Springorum

Über den Autor

Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.

Björn Springorum

Freier Journalist und Schriftsteller