Wie ein Chatbot wie Grok die Demokratie bedrohen kann
Rassismus, Sexismus, Kinderpornografie: Elon Musks KI-Chatbot Grok sorgt derzeit für weltweite Negativschlagzeilen. Digitalexperte Thomas Bornheim von der Arkadia Heilbronn sagt: Grok ist nur das Symptom einer viel größeren Problematik. Warum wir schleunigst zu digitaler Souveränität gelangen sollten, wenn wir die Demokratie bewahren wollen.
Lesezeit: 7 Minuten
30.01.2026
Was ist Grok?
Chatbots gibt es viele, und das seit vielen Jahren. Derzeit sorgt besonders der in Elon Musks Nachrichtendienst X implementierte Bot namens Grok für Schlagzeilen. Im Vergleich zu vielen vergleichbaren Chatbots ist Grok so wenig reguliert, dass er praktisch alles zulässt. Nutzer begannen scharenweise, den KI-Bot zu missbrauchen, um sexuelle Bilder von realen Personen zu erstellen – Berühmtheiten, Nachbarn oder sogar Minderjährigen. Hinzu kommen tendenziöse Aussagen der KI, wenn es um politische oder soziale Dinge geht. Immer wieder ließ sich Grok zu sexistischen oder rassistischen Aussagen hinreißen. Der Bot glorifizierte u. a. Hitler oder stellte den Holocaust in Frage. Unlängst verkündete sogar US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, dass Grok nun auch im Pentagon eingesetzt würde.
Wer trägt die Schuld?
Thomas Bornheim weiß, wozu Grok fähig ist. 14 Jahre lang arbeitete er für Google, jahrelang auch im Silicon Valley. Heute ist er führender Experte bei Arkadia Heilbronn und hat zudem eine Programmierschule aufgebaut. Er sagt klipp und klar: „Nicht die Menschen sind schuld, die Grok für diese Zwecke benutzen. Sondern die, die es zulassen.“ Vereinfacht gesagt sei Grok „eine Software, die es seinen Benutzern ermöglicht, schlechte Dinge zu tun. Doch wenn ein Schüler diese Funktion nutzt, dann ist es nicht allein die Verantwortung des Schülers, sondern auch derjenigen, die diese Tools ohne Begrenzung zugänglich machen. Ein Klick reicht, um zu bestätigen, dass man 18 Jahre alt und somit volljährig ist. Das kann doch nicht alles sein. In einem sich digitalisierenden Staat muss es eine verbindliche Vereinbarung über die Regeln im Internet geben. Und eine konsequente Umsetzung.“
Grok ist insgesamt also nicht anders oder gefährlicher als andere Chatbots. „Er wird nur an einer viel längeren Leine gelassen“, so Bornheim. „Weil die Social Media Plattform X keinerlei Wertevorstellungen folgt und sich von jedweder sozialen Verantwortung freimacht. Dann darf man sich nicht wundern, wenn plötzlich Minderjährige Zugriff auf problematische Inhalte haben. Jeder Benutzer ist nur einen Klick von einer Straftat entfernt. Doch ich muss sagen: Endlich fällt das jemandem auf, endlich gibt es diesen Aufschrei. Wahrscheinlich musste es erst so weit kommen, bis man reagiert.“ Der nächste konsequente Schritt für den Experten? Plattformen wie X oder TikTok zu sperren, bis sie die notwendigen Änderungen ihrer Funktionalität und ihrem Umgang mit unseren Daten vorgenommen haben. Dies könnte von der EU endlich in Angriff genommen werden, wie unlängst berichtet wurde.
KI und die Landtagswahl
Der Umgang mit Grok zeigt ein weiteres Mal, wie viele Herausforderungen die digitale Transformation und der Siegeszug der KI mit sich bringen. Und wie viele schwierige Herausforderungen es für Politik oder Unternehmen gibt. „Das Problem ist nicht allein Grok und was dieser Chatbot kann, sondern die Kommunikation zwischen Staat und Tech-Unternehmen“, sagt Bornheim. „Mir fehlen klare Ansagen an diese Tech-Firmen, bevor sie hier irgendetwas Neues an den Start bringen. Auf der einen Seite gibt es hunderte Seiten mit Vorschriften, die von Digital-Unternehmen umgesetzt werden müssen und die dafür gar nicht aufgestellt sind. Zur selben Zeit überholen uns links und rechts alle möglichen Länder. Die USA, Estland, England oder Polen sind uns bei vielen digitalen Themen Jahre voraus. Und von China will ich gar nicht erst anfangen.“ Für Bornheim ist Deutschland mit viel Glück zweite Liga. Und im Hinblick auf die Landtagswahl würde sich da nicht viel ändern. Wie drastisch sich das auswirken kann, macht er kurz und knapp klar: „Wenn ich mir die Parteiprogramme anschaue, dann sehe ich kein halbwegs solides Konzept für das, was auf uns zukommt.” Bornheim ist sich sicher: Die Parteien, die digitale Themen vernachlässigen, werden zukünftig das Nachsehen haben.
Das müsste gar nicht so sein, betont er: „Wir haben in Deutschland einen einzigartigen Apparat an geisteswissenschaftlichen Instituten, an Universitäten, an Orten, an denen man sich eigentlich täglich mit genau diesen Fragen rund um KI beschäftigen sollte. Es geht jetzt aber auch darum, die richtigen Gremien und Foren zu schaffen, damit wir uns als Gesellschaft an diese Dinge und Veränderungen gewöhnen. Ein Sascha Lobo reist schon seit 20 Jahren durchs Land, um darauf aufmerksam zu machen, was da alles auf uns zukommt. Wir brauchen Menschen wie ihn, mehr Menschen mit Erfahrung, die auch der Politik helfen können.“
Wenn am 8. März in Baden-Württemberg gewählt wird, dann werden die Parteien die Nase vorn haben, die das Spiel mit den digitalen Medien verstehen. „KI und Internet sind mediale Ausspielwege, um die Masse zu erreichen, sie zu überzeugen oder zu manipulieren”, nickt Thomas Bornheim. „Man ist mehr oder weniger gezwungen all diese Kanäle zu bespielen, denn wer sie nicht bespielt, hat meistens schon verloren. Wer auch im Digitalen erfolgreich unterwegs ist, hat in der Politik die Nase vorn.”
Was wir tun können
Für Bornheim sind all diese Herausforderungen auch Chancen hin zu mehr digitaler Souveränität. Die fängt im Kleinen an, wie er sagt. „Es sollte eine gewisse Grenze bei der Mediennutzung der Kinder geben, das ist ganz klar. Aber auch bundesweite Empfehlungen einer Screentime über alle Geräte hinweg, in Altersspannen. Darüber hinaus dürfen wir nicht zu viel von unseren Kindern erwarten oder verlangen. Und müssen uns stattdessen selbst mit diesen Dingen auseinandersetzen.“ Sein zentraler Punkt: Wir sollten uns nicht als User begreifen, sondern als mündige Bürgerinnen und Bürger. Menschen, die mehr sind als Ware oder Multiplikator für Reels und Beiträge. Und die sich bewusst sind, welche Bots oder Software oder sozialen Medien sie nutzen.
Was noch? „Von den Unternehmen wünsche ich mir Persönlichkeit und Haltung. Wie früher bei Google, deren oberste Maxime bis 2015 Don’t be evil! lautete“; so Bornheim. „Von den Medien würde ich mir wünschen, deutlich partizipativer zu werden und stärker mit Expertinnen und Experten in diesen Dingen zu arbeiten. Und auch an die Politik habe ich einen Wunsch: so viele Expertengremien gründen wie möglich. ‚Deliberative Demokratie‘ ist hier das Zauberwort. Menschen einladen, die in einem Feld bewandert sind, ihnen zuhören, ein besseres Meinungsbild erhalten und gute Ideen umsetzen.“
Über den Autor
Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.
Björn Springorum
Freier Journalist und Schriftsteller
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