13.03.2026
Wie abhängig macht Social Media wirklich?
Sollte Social Media für junge Menschen verboten werden? Die Debatte spitzt sich auch in Deutschland zu, weil immer mehr Studien zeigen: Exzessiver Konsum kann psychische Schäden bei Kindern, Jugendlichen und sogar Erwachsenen hervorrufen. Doch diese Studien sind mit Vorsicht zu genießen – und sollten nicht anderen Debatten den Raum nehmen.
Lesezeit: 8 Minuten
Wie schädlich ist Social Media?
Australien hat den Vorstoß gemacht, Deutschland debattiert das Thema gerade: Ein Social-Media-Verbot für Menschen unter einem gewissen Alter wird derzeit immer wahrscheinlicher. Die Begründung: Mediennutzung kann Abhängigkeiten hervorrufen, die Entwicklung beeinträchtigen und psychische Schäden hervorrufen, die im extremsten Fall zu Verletzungen oder Suizid führen.
Macht Social Media also wirklich krank? Die Realität ist natürlich deutlich komplexer. Denn auch wenn mehr und mehr Studien über die Korrelation von Depressionen, anderen psychischen Erkrankungen und Abhängigkeiten mit der Nutzung von sozialen Medien erscheinen, empfiehlt Prof. Dr. Oliver Fricke, der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Stuttgart, stets ein sehr genaues Hinschauen auf die Methodik. „Wir müssen zwischen gesunden und kranken Kollektiven unterscheiden“, sagt er. „Jemand mit keinerlei Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, guten Fettwerten, Normalgewicht und normalen Blutdruck kann beispielsweise auch zehn Zigaretten am Tag rauchen, ohne dass man nach fünf Jahren überhaupt ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sieht. Macht es jemand mit schlechteren Werten, gibt es schon nach einem Jahr desaströse Verschlechterungen.“
Dennoch gibt es viele Fälle von schädlichem Social-Media-Konsum. „Es gibt Patienten, bei denen wir wissen, dass die Behandlung nur gut funktionieren wird, wenn man sie eine Zeitlang von diesen Medien trennt“, sagt er, „bei denen die Mediennutzung bestimmte therapeutische Prozesse praktisch nicht möglich macht oder Risiken mit sich bringt.“ Von einer Abhängigkeit spricht er, sobald jemand Nachteile in Kauf nimmt, um diese Medien nutzen zu können. „Wir kennen Patienten, die treffen sich nicht mehr mit Freunden, um ihre Mediennutzung möglich zu machen. Die schlafen nicht mehr genug oder gehen nicht mehr in den Sportverein.“
Bestimmte Gruppen sind gefährdet
Es geht also erst mal nicht um die Frage, ob die Nutzung von Social Media für Kinder und Jugendliche grundsätzlich gesundheitsschädigend ist. Sondern darum, für wen die Nutzung eventuell schädlich sein kann. „Gesunden Kindern und Jugendlichen macht das also nichts aus“, so Prof. Dr. Fricke. „Selbst höhere Mediennutzung hat bei ihnen wahrscheinlich keine schlechten Auswirkungen. Im Gegenteil, wer viele Medien nutzt, ist oft aktiver und kommunikativer. Wer jedoch anfällig ist, hat ab einer täglichen Mediennutzung von wenigen Stunden bereits ein höheres Risiko einer Erkrankung.“
Für vulnerable Menschen ist Mediennutzung jedweder Form ein Brandbeschleuniger, so Prof. Dr. Fricke. „Wer keine guten Schutzfaktoren hat oder bereits krank ist, wird durch soziale Medien noch stärker betroffen. Das beobachten wir auch bei anderen Abhängigkeiten. Nun sind die sozialen Medien aber eben genau so gestaltet, dass sie unser Konsumverhalten verstärken. Wie bei Süßigkeiten auch. Jeder Softwarehersteller will die User möglichst lang in seinem Netzwerk halten. Das sind dieselben psychologischen Mechanismen wie bei anderen Abhängigkeiten.“
In seinem Klinikalltag beobachtet er in den letzten Jahren einen Anstieg von Verhaltensauffälligkeiten, die man direkt mit Social Media in Verbindung bringen kann. „Wir haben teilweise Patienten auf der Intensivstation, die ihre misslungenen Suizidversuche auf Social Media geteilt haben, um ein Feedback zu generieren“, berichtet er. „Das ist eine Minorität, die in Richtung 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen ansteigt, aber die muss geschützt werden. Bei Zigaretten und Alkohol haben wir das ja auch gemacht – eine Begrenzung für die Allgemeinheit, keine Tabakwerbung mehr, kein freier Verkauf. Aus meiner Sicht ist das einer verantwortungsvollen, solidarischen Gesellschaft angemessen.“
Pro und Contra Social-Media-Verbot
Prof. Dr. Fricke hält ein Verbot von Social Media für bestimmte Altersgruppenhalten für sinnvoll – „weil es eine Minorität schützt“, wie er sagt. „Natürlich kann man ein Verbot immer umgehen, aber da beziehe ich mich wieder auf den Alkohol. Es hat in unserer Gesellschaft durchaus etwas verändert, dass er für bestimmte Altersgruppen nicht mehr frei zugänglich ist. Sicherlich gibt es immer noch Jugendliche, die Alkohol trinken und das Verbot bewusst umgehen. Aber insgesamt führt es dazu, dass klar ist, was die Position der Gesellschaft ist.“
Leonie Schollän von der Aktion Jugendschutz sieht das anders. „Aus unserer Sicht ist ein Verbot nicht die richtige Lösung“, hält sie dagegen. „Ein Verbot greift möglicherweise viel zu kurz und ist nur der Versuch, eine einfache Lösung für ein komplexeres Problem zu suchen. In Australien sind seit dem Verbot die VPN-Nutzerzahlen in die Höhe geschossen, weil Jugendliche dieses Verbot dort einfach umgehen. Und das ist verständlich, denn junge Menschen leben in diesem digitalen Raum, sie führen Debatten und tauschen sich aus. Das einfach wegzunehmen, ist zu kurz gedacht. Wenn wir uns nur darüber Gedanken machen, was wir Kindern wegnehmen, dann ignorieren wir ihr Recht auf Informationsfreiheit und ihr Recht an einer Gesellschaft teilzuhaben. Wir müssten also viel eher überlegen, wie ein sicherer Raum für junge Menschen aussieht. Was wir investieren können, damit sie ungefährdet soziale Medien nutzen können.“
An diesem Punkt gleitet die aktuell geführte Debatte immer in Richtung der Big-Tech-Konzerne ab, die nach landläufiger Meinung nicht mit sich reden lassen und alle Regulierungsversuche im Keim ersticken. „Aber ist das wirklich so?“, fragt Schollän. „Ich bin mir da gar nicht so sicher. Wahrscheinlich haben wir es einfach nicht lang oder eindringlich genug versucht. Ein Verbot hingegen nimmt diese Anbieter komplett aus ihrer Verantwortung in Sachen Kinder- und Jugendschutz, weil sie sich dann ja auf die Altersbeschränkung beziehen und machen können, was sie wollen.“ Es sei zudem unfair, Kindern und Jugendlichen etwas zu verbieten, nur weil die Politik vermeintlich nicht gegen die großen Plattformen ankommt. „Was wir brauchen“, so die Medienpädagogin, „sind Gesetze, die auch umgesetzt werden. Und da gibt es ja den Digital Service Act, ein Gesetz, das Anbieter verpflichtet, dem Jugendmedienschutz nachzugehen und entsprechende Einstellungen vorzunehmen. Dieses Gesetz trat aber eben erst 2022 in Kraft und wird erst seit 2024 umgesetzt. Diese Dinge brauchen Zeit, aber natürlich auch den nötigen Nachdruck.“
Alternativen zu einem Verbot
Ein Verbot als Ultima Ratio ist nur eine von weiteren Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche im Netz besser zu schützen. Weniger drastisch wären laut Leonie Schollän „verbindliche Altersregelungen, wie wir sie ja schon aus anderen Bereichen kennen – bei Filmen oder Videospielen etwa.“ Hinzu kommt, dass die Plattformen bereits ihre eigenen Altersregelungen haben. „Meistens ist die Nutzung erst ab 13 Jahren zulässig. Da haben wir also schon eine Grenze, die einfach nicht genügend forciert wird. Ganz abgesehen davon, halte ich eine Regelung an 16 Jahren nicht für sinnig. Menschen in diesem Alter sind längst gesellschaftlich und politisch interessiert, wie man ja auch bei Fridays For Future gesehen hat.“
Überhaupt würde sich Leonie Schollän wünschen, dass diese Debatte gesamtgesellschaftlich geführt wird – und nicht immer nur die sozialen Medien zum Sündenbock macht. „Manche Studien zeigen einen gesteigerten Selbstwert durch Social Media, manche einen gesunkenen. Da kommt es immer darauf an, wer untersucht wurde“, führt sie aus. „Wurde ein Kind schon mal diskriminiert oder gemobbt? Hat es diese Erfahrungen auch schon außerhalb der Sozialen Medien gemacht? Auch da kann es wieder in zwei Richtungen gehen: Weitere negative Erfahrungen oder Empowerment, weil ich mich mit einer Community zusammentun kann. Wichtig ist, die vulnerable Gruppe junger Menschen zu schützen. Aber das geht eben weit über den digitalen Raum hinaus und ist eher eine Aufgabe für uns alle – Stichwort Kinderarmut, Stichwort Therapieplätze.“
Social Media und Entwicklung
Prof. Dr. Fricke führt ein weiteres Argument für eine Altersbegrenzung ins Feld – unabhängig von einem Verbot oder einer strengeren Regulierung. „Da gibt es einerseits Entwicklungsfaktoren und andererseits die rechtliche Seite. In der ersten Hälfte der Pubertät kommt es zu einer Verlagerung der Verhaltenssteuerung – von eher seitlich hinteren Hirnanteilen in das Stirnhirn. In dieser Zeit gehen Jugendliche mehr Risiken ein ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen. Das Risikoalter für impulsive Verhaltensweisen liegt also irgendwo zwischen 10 und 15, bei Mädchen früher als bei Jungs. Eine Grenze von 14 Jahren für die Nutzung von Social Media wäre daher sinnig und logisch. Bis zu diesem Alter sind auch die Eltern gesetzlich noch sehr stark in der Pflicht.“
Hinzu kommt das Risiko, dass Social Media auf junge Menschen wie eine Entwicklungsbremse wirken kann. „Wenn Sie mit jemandem Direktkontakt haben, dann können Sie nicht die Teile ausblenden, die Sie nicht mögen“, so Prof. Dr. Fricke. „Das ist aber wichtig, weil wir lernen müssen, es miteinander auszuhalten. Online kann ich diese Person einfach wegwischen und solange scrollen, bis ich jemanden finde, der mir gefällt und der meine Meinung teilt. Die große Kunst sozial erfolgreicher Menschen ist, dass sie in sehr unterschiedlichen Schattierungen Beziehungen führen können, ohne dabei eigene Bedürfnisse komplett vernachlässigen zu müssen.“ Während Corona haben wir gesehen, was mit Kindern passiert, die das nicht haben – mit Auswirkungen, die bis heute spürbar sind. „Die Schule spielt da eine unschätzbare Rolle“, nickt er. „Kinder müssen dort mit anderen Gleichaltrigen klarkommen, die sie nicht nur dominieren können oder vor denen sie auch nicht nur geschützt sind. Sie müssen mal führen, mal geführt werden. Daher ist Schulabsentismus, also das bewusste Fernbleiben von der Schule, ein klassisches Frühsymptom von psychischen Erkrankungen.“
Die Debatte ist vielfältig und sollte daher nicht nur eindimensional geführt werden. Doch bei einem sind sich die Meisten einig: Egal, was am Ende dabei herauskommt, Hauptsache ist, dass wir sie endlich führen.
Über den Autor
Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.
Björn Springorum
Freier Journalist und Schriftsteller
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