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Drei Trickfilmfiguren die auf einer Wise stehen und sich die Hand schütteln. Ein Waschbär, ein Fuchs und eine Giraffe.

22.04.2026

Warum der Trickfilm eigentlich in den Lehrplan gehört

Medienpädagogik hat viele Facetten. Eine besonders effektive ist der Trickfilm. Er vermittelt Medienkompetenz, Filmwissen und demokratische Werte – und kann schon ab dem Kindergarten eingesetzt werden.

Lesezeit: 7 Minuten

Der Animationsfilm als Brücke

Unsere Welt ist durchdrungen von Bildern, Videos und digitalen Medien. Deswegen sind gerade heute qualitativ hochwertige, vielfältige und diverse Medien so wichtig wie nie. Das können Kinderbücher, Apps, Blogs, News-Dienste oder soziale Medien sein, aber eben auch der Film. Und gerade hier ist auffällig, dass kaum ein Medium besser für die kindgerechte Vermittlung demokratischer, gesellschaftlicher und diverser Werte geeignet ist als der Animationsfilm. Animation kennt nämlich keine Sprachbarrieren, erreicht Menschen über alle Alters- und Herkunftsgrenzen hinweg und bietet einen spielerischen, niederschwelligen Zugang zu komplexen Themen.

Animationsfilme sind in ihrer Form völlig frei, kommen oft ohne Dialoge aus, Figuren sind hier nicht an reale Körper oder Besetzungen gebunden. Dadurch schaffen sie ganz andere Möglichkeitsräume, in denen Identität freier dargestellt werden kann als im Realfilm. Studien belegen das. Sie zeigen, dass Animation vielfältige Identitätsentwürfe sichtbar machen kann. Das können unterschiedliche sexuelle Orientierungen, Ethnien, Körperbilder oder körperliche und geistige Einschränkungen sein. Mehr als in den meisten anderen Medien löst sich der Animationsfilm von stereotypen Rollenbildern und eröffnen jungen Zuschauerinnen und Zuschauern Spielräume zur eigenen Identitätsfindung.

Wie finde ich kindgerechte Formate?

Natürlich ist Trickfilm nicht gleich Trickfilm und längst nicht jeder Animationsfilm ist auch für Kinder geeignet. Einen Wegweiser durch diesen animierten Dschungel liefert das Young ITFS Educate Programm im Rahmen des Internationalen Trickfilmfestivals (ITFS). „Im Rahmen von Young ITFS Educate bieten wir gezielte Formate für Schulen und Kitas an: Pädagogisch aufbereitete Kurz- und Langfilmprogramme, Workshops und Unterrichtsmaterialien vermitteln Medienkompetenz, Filmwissen und demokratische Werte“, so bringt es Projektmanagerin Christin Stegmeyer auf den Punkt.

Schulen, Kitas und andere Bildungseinrichtungen können sich anmelden, um im Rahmen des Festivals ein sorgsam kuratiertes, moderiertes Filmprogramm mit ihrer Klasse zu besuchen. „Unser Angebot richtet sich an Kitagruppen und Schulklassen von der Grundschule bis zur Oberstufe“, sagt Stegmeyer. „Die Anmeldung ist über unsere Website möglich, für Schulkinder erheben wir einen kleinen Organisationsbeitrag.“

Beim ITFS wird in Sachen Animationsfilm exemplarisch vorgelebt, was man auch als Lehrkraft, Elternteil oder erziehende Person beherzigen sollte. Christin Stegmeyer: „Das Gespräch vor und nach dem Film ist besonders wichtig. Vorab zu klären, welche Erwartungen wir haben, ob wir den Film einfach auf uns wirken lassen oder uns explizit auf einen Gegenstand oder die Gefühle der Figuren konzentrieren wollen.“ Fragen wie „Was hat uns an dem Film gefallen und was nicht?“ oder „Was hätten wir anders gemacht?“ können da besonders jüngeren Kindern helfen, den Film auf eine Ebene zu heben, auf der sie etwas für ihren Alltag mitnehmen können. „Auch ist es bei jüngeren Kindern empfehlenswert, kürzere Filme zu verwenden“, betont die Projektmanagerin. „So bleibt die Aufmerksam höher und die Inhalte können leichter wiedergegeben werden.“

Der Film als Motor der Demokratie

Dass Animationsfilm mehr ist als nur bunte Bildchen, hat sich mittlerweile auch unter den schärfsten Kritikern des Trickfilms herumgesprochen. Man muss sich nur aktuelle Großproduktionen wie Disneys „Zoomania 2“ ansehen, um anzuerkennen, dass Kindern hier Respekt vor Unterschieden und die Relevanz von Chancengleichheit im Rahmen einer schrägen und turbulenten Geschichte vermittelt wird. Letzten Endes ist das nichts anderes als ein Basiskurs Demokratie.

Das sieht auch Christin Stegmeyer so: „Filme transportieren Werte: Wie handeln die Figuren? Und wie werden diese Handlungen gerahmt – etwa durch Reaktionen von anderen Figuren oder durch die Handlungskonsequenzen. Beim ITFS wollen wir Filme zeigen, die demokratisches Handeln hochhalten, Vielfalt betonen und Ausgrenzung kritisch beleuchten. Filme eröffnen uns fremde Lebenswelten und ermöglichen uns, die Erfahrung zu machen, dass Menschen, die zunächst sehr fremd erschienen, mir oft näher sind als gedacht. Solche Erfahrungen helfen dabei, offen aufeinander zuzugehen und motivieren dazu, sich für ein friedliches Miteinander einzusetzen.“

Gunter Grossholz vom Kastanienpferd Medienverlag kann das bestätigen. „Wir möchten helfen, die Fragen zu stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Kein Schwarz und Weiß, kein einfaches Gut und Böse“, sagt er. „Kritisches Denken entsteht nicht auf Befehl und nicht durch Auswendiglernen allein. Natürlich spielen auch eigene Erfahrungen, Neugier und die Sensibilität für die Kultur des anderen eine Rolle, wie in unserem Falle der Ferne Westen und der Ferne Osten.“ Gemeinsam mit Yuxi Wan realisiert er Kinderbücher, Animationsfilme und das japanische Papiertheater Kamishibai – immer in Handarbeit. Im Zentrum ihres Schaffens steht stets diese eine Frage: Wie können wir Menschen gemeinsam mit unserer Welt gut leben?

Gerade der Aspekt, dass hier alles noch in Handarbeit geschöpft wird, spielt im aktuellen Kampf um die Deutungshoheit in den Medien eine zentrale Rolle. Das sieht auch Christin Stegmeyer vom ITFS so: „In einer Zeit, in der Fake News und KI-generierte Inhalte eine zunehmende Rolle im politischen Diskurs spielen, ist die Medienkompetenz eine zentrale demokratische Kompetenz. Erst wenn ich lerne, Medien kritisch zu hinterfragen und zu beurteilen, wer mir was mit welcher Intention sagen möchte und ob ich dieser Quelle vertrauen kann, bin ich dazu in der Lage, mir eine eigene Meinung zu bilden.“ Diese eine enge Verbindung zwischen Medienbildung und Demokratieförderung kann durch Animationsfilme gezielt bespielt werden.

Vom passiven zum aktiven Part

Auch die Arbeiten von Kastanienpferd lassen sich spielend in den Schulunterricht integrieren. „Unterrichtsbegleitende Animationsfilme wie unsere, die über die Medienzentren Lehrkräften frei zur Verfügung stehen, sind eine tolle Möglichkeit, den Unterricht abwechslungsreich zu gestalten“, betont Gunter Grossholz von Kastanienherz. „Erfahrungen und Informationen werden durch die Charaktere und Geschichten zu Herzen genommen statt auswendig gelernt. Was man liebt, möchte man selber machen, und daher sollten Animationsfilme für den Unterricht so aussehen, dass sie Lust machen, aktiv zu werden, zu malen, basteln, erzählen oder filmbegleitende Materialien wie zum Beispiel Kamishibai oder H5P-Software zu nutzen.

Dazu bietet das ITFS Jahr für Jahr ein großes Mitmachprogramm für alle, die mehr über Animation erfahren oder sogar selbst kreativ werden möchten. „Das Young ITFS Educate Programm wird während der Festivaldauer vom 5. bis zum 10. Mai 2026 angeboten“, so Stegmeyer. „Unterjährig bieten wir im Rahmen unserer Animation Tour aber das „Best Of Tricks For Kids“-Programm mit den besten Festivalfilmen für Kinder an. Alle Filme sind FSK 0 geprüft und ohne Dialoge. Neben Kinos und Kulturorganisationen können auch Schulen das Programm kostenlos bei uns ausleihen. „Die Themen Medienbildung und Demokratieförderung sind uns wichtig, daher kooperieren wir auch außerhalb des Festivals mit Organisationen und Veranstaltungen, mit denen sich Schnittstellen ergeben. So zum Beispiel mit der Initiative „Mach dich stark“ oder der SchulKinoWoche Baden-Württemberg.“

Denn fest steht: Jedes Kind, das schon mal selbst einen Film erschaffen hat, wird später wahrscheinlich deutlich weniger auf Fake News und KI-generierte Inhalte hereinfallen. Gut kuratiert kann das Medium Trickfilm somit einen wichtigen Beitrag zur Medienbildung und -kompetenz für alle Menschen leisten.

Björn Springorum

Über den Autor

Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.

Björn Springorum

Freier Journalist und Schriftsteller