26.03.2026
Macht KI dumm – oder nutzen wir sie nur falsch?
Übermäßiger Gebrauch von Tools wie ChatGPT hat Auswirkungen auf unsere kognitive Leistung. Das ist erst mal weder schlecht noch gut. Es kommt viel eher darauf an, die KI zu unseren Gunsten zu nutzen, anstatt ihr das Denken zu überlassen.
Lesezeit: 8 Minuten
Wird Europa immer dümmer?
Jede große technologische Transformation brachte ihre Wachstumsschmerzen mit sich. KI ist da keine Ausnahme und nur die vorläufige Spitze des Eisbergs. Schon mit Aufkommen des Internets wurde lang und breit darüber debattiert und referiert, ob uns Google und Wikipedia nicht verdummen würden. Und auch wenn das nicht der Fall ist: Etwas verändert hat sich in unseren Gehirnen schon, seitdem wir uns keine Telefonnummern mehr merken müssen und selbst für einen bekannten Weg den Routenplaner einschalten. In Industrieländern, so beobachtet eine Studie 2019, kommt es durch den sogenannten Flynn-Effekt in den letzten Jahren eher zu einer Intelligenzabnahme. Das heißt natürlich nicht, dass wir in Europa plötzlich die Dummen sind. Es zeigt aber, dass Medien durchaus eine Auswirkung auf unsere kognitive Leistung haben.
Wie nutzen wir Künstliche Intelligenz?
KI ist kein neues Thema, doch durch Tools wie ChatGPT mittlerweile sichtbar in unserem Alltag angekommen. Ende vergangenen Jahres veröffentlichte OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, eine umfassende Studie zu Nutzeranfragen. Und kam zu überraschenden Ergebnissen: Das bekannteste KI-Tool erhält demnach 18 Milliarden Anfragen pro Woche. Besonders aktiv sind dabei junge Menschen. Fast die Hälfte der Konversationen stammt von Personen, die zwischen 18 und 25 Jahre alt sind. Zudem nutzen mehr Frauen als Männer die Dienste des KI-Tools: 52 Prozent der Userinnen und User hätten zumindest weiblich gelesene Vornamen. Das war beim Start von ChatGPT 2022 noch ganz anders.
Im Juni 2025 entfielen etwa 73 Prozent aller Unterhaltungen auf nicht-berufliche Themen. 28,3 Prozent suchten nach praktischen Tipps, Hilfe bei Recherche, Hausaufgaben, Reiseplanung oder Kochrezepte. 28,1 Prozent erstellen oder optimieren Texte mit ChatGPT, 16 Prozent übersetzen Texte damit. Für Gespräche über Gefühle oder Beziehungen würden nur 1,9 Prozent die KI nutzen. Spannend ist auch: 21,3 Prozent nutzen ChatGPT als Google-Ersatz und suchen damit nach Informationen.
Vertrau’ keiner KI
Das ist alles noch kein Problem. Solange man der KI nicht blind vertraut. Doch genau das tun mehr und mehr Menschen. Eine Studie von Microsoft und der Carnegie Mellon University hat festgestellt, dass der Einsatz von KI zu weniger kritischem Denken und einem „Verfall kognitiver Fähigkeiten“ führt. Wer der KI stark vertraut, so heißt es, denkt weniger selbst nach. Dabei ist die Fehlerquote gerade bei Recherche und Informationsbeschaffung weiterhin hoch. ChatGPT „lügt“ oder „halluziniert“ eher, anstatt gar keine Antwort zu geben. Und das immer noch sehr häufig: Bis zu ein Drittel der Informationen ist falsch oder zumindest teilweise ungenau.
Beobachtet wurde auch, dass Menschen unter Zeitdruck noch weniger kritisch denken und alles blind und ungeprüft von der KI übernehmen. Wie eingangs erwähnt, war das zuvor auch nicht anders, als Wikipedia noch in den Kinderschuhen steckte und bei weitem nicht so gründlich wie heute arbeitete. Es kann aber dazu führen, dass sich Fehlinformationen und Fake News schneller verbreiten. Die Forscher der Studie schlugen daher vor, dass KI-Tools erklären sollen, wie sie zu ihren Entscheidungen kommen. Das könnte kritisches Denken und Reflektieren fördern.
Macht KI also dumm?
Setzen wir uns also mit der Gretchenfrage auseinander: Macht KI automatisch dumm? Die Antwort darauf ist erfreulicherweise ein klares Nein. Aber fest steht: Es verändert etwas in unserem Kopf. „Werden Technologien falsch eingesetzt, können sie tatsächlich zu einem Verfall kognitiver Fähigkeiten führen, die erhalten bleiben sollten“, so heißt es in der Studie von Microsoft und der Carnegie Mellon University. Zu diesem Ergebnis kommen derzeit mehr und mehr Forschende.
In einem Interview mit der taz erklärt Forscher Michael Gerlich, eine Verschärfung des bereits bekannten Phänomens der Auslagerung beobachten zu können – wenn ich mir zum Beispiel keine Telefonnummern mehr merken muss, weil sie alle in meinem Handy gespeichert sind. „Das schafft im Gehirn Raum für Wichtigeres. Aber: Mit den Telefonnummern lagere ich nur Daten aus.“ Bei KI werden aber eben nicht nur Daten ausgelagert, sagt er, „sondern ganze Denkprozesse. Denn die KI gibt mir Lösungen für Probleme. Den Effekt haben wir in einer Studie untersucht. Wir haben die Teilnehmenden gefragt: Was sind die Vorteile der Demokratie? Dabei sollten sie sich entweder erst mal selbst Gedanken machen oder die Frage direkt in einen KI-Chatbot eingeben. Bei Letzterem kommt ein Effekt aus der Psychologie zum Tragen, der Ankereffekt. Der beschreibt, dass Menschen stark von der ersten Information beeinflusst werden, die sie zu einer Sache bekommen. Sich dann kritisch mit dieser ersten Information auseinanderzusetzen, ist deutlich schwieriger.“
Zudem können sich Menschen, die Texte mithilfe von KI schreiben, deutlich schlechter an Inhalte erinnern, während selbst erarbeitete Inhalte auch Tage später noch abrufbar waren. Der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig referiert im SWR darüber, dass das Gehirn ein Muskel ist, der trainiert werden muss. Passive Nutzung schwächt diesen Muskel. Man bekommt ja auch keinen Bizeps, nur weil man sich Videos aus dem Fitnessstudio anschaut. „Es kommt wie bei jeder Technik, wie bei jedem Medium darauf an, wie wir es nutzen“, sagt er gegenüber dem Rundfunk. Wenn wir das Medium passiv nutzen, wie bei einem YouTube-Video und uns das Wissen nicht selbst aneignen, nicht selbst Notizen machen oder Abbildungen anfertigen“, sagt er, dann kann das Gehirn geschwächt werden. „Unser Gehirn ist sehr schlecht darin, sich etwas langfristig zu merken, wenn wir nur passive Beobachter sind. Unser Gehirn bewertet eine Aktivität als höherwertig, wenn sie mit einer Aktion verbunden ist, wenn wir dabei etwas tun, wenn die Aktion sozial eingebunden ist und wenn wir dafür eine konkrete Anwendung sehen.“
Wie nutze ich KI richtig?
Es ist nicht die KI-Nutzung per se, die unsere kognitive Leistung schmälert und kritisches Denken reduziert. Es ist die Art und Weise, wie wir KI für uns nutzen. Richtig eingesetzt, kann Künstliche Intelligenz ein großer Benefit sein, ein Boost für Kreativität und Recherche. Viele Menschen nutzen KI als Sparringspartner für Denkprozesse – um Feedback zu bekommen oder eventuell einen neuen Blickwinkel zu gewinnen. Mit den richtigen Prompts – also Arbeitsanweisungen für die KI – kann man zudem komplexe Aufgaben oder langfristige Projekte wie das Erlernen einer neuen Sprache optimieren. „Der Trick ist, die kognitive Auslagerung, also das Abgeben der Denkprozesse an die KI, zu vermeiden“, so Forscher Michael Gerlich. „Dafür müssen wir nicht auf die Hilfe der KI verzichten, aber wir müssen erst mal selber denken. Wenn wir damit eine Grundlage haben, dann können wir die KI als eine Art Sparringpartner nutzen. Man muss sie etwa auffordern, Gegenargumente für die eigene Argumentation zu suchen. Oder Aussagen zu kritisieren.“
Ein Messer kann mich verletzen, wenn ich es falsch einsetze, das Feuer kann mich verbrennen anstatt mich zu wärmen. Letztendlich ist es auch mit KI wie bei jedem Werkzeug: Es kommt auf die richtige Nutzung an.
Über den Autor
Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.
Björn Springorum
Freier Journalist und Schriftsteller
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