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Unter einem blauen HImmel ist ein großes Banner zur Fußball-WM aufgebaut. Darauf steht: FIFA WORLD CUP 2026. Eine US-amerikanische Flagge ist darauf gehisst und darüber fliegt gerade ein Flugzeug.

29.06.2026

Die Rolle der Medien bei sportlichen Großereignissen wie der WM

Die Gruppenphase der Fußball-WM der Männer ist beendet. In der K.O.-Phase stehen Spieler, Trainer und Schiedsrichter ab sofort noch mehr unter Druck und Beobachtung – auch von den Medien. Deren Rolle bei Sportgroßereignissen dieser Art hat sich stark verändert. Und ist nicht zu unterschätzen.

Lesezeit: 7 Minuten

Die Mär vom Sommermärchen

Es gibt unzählige Beispiele, wie die Medien – private wie öffentlich-rechtliche – Einfluss auf sportliche Großereignisse wie eine Fußball-WM oder Olympia nehmen. Insbesondere der Fußball ist reich an positiven wie negativen Beispielen, wie mediale Organe die Stimmung im Land beeinflussen oder lenken können. 1994 etwa, bei der ersten Fußball-WM der Männer in den USA, reiste Deutschland als Titelverteidiger an, scheiterte aber im Viertelfinale an Bulgarien. Trainer Berti Vogts sieht sich zunehmend in der Kritik der Medien, auch ein Schmachlied von Stefan Raab trägt dazu bei, dass sich die Stimmung gegen den Bundestrainer stark verschlechtert.

2006 dann ein ganz anderes Bild: Das vielbeschworene Sommermärchen hätte es eigentlich gar nicht geben sollen. Anfangs berichtete eine große Boulevardzeitung negativ und hämisch, bis Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Bitte von Bundestrainer Jürgen Klinsmann dem Verlag einen Besuch abstattete und höflich bat, die Berichterstattung ins Positive zu drehen. Das Sommermärchen war erfunden. Und alle trugen es mit.

Medien verändern die Regeln

Prof. Christof Seeger von der Hochschule der Medien Stuttgart lehrt unter anderem Sportkommunikation und betont, dass zunächst mal alle Medien einen großen Einfluss auf den Sport im Allgemeinen haben – „bis hin zu dem Punkt, dass sogar Regeln verändert werden“, wie er sagt. „Im Biathlon drehen die Skifahrer heute im Stadion ihre Runden, weil man nicht an jeder finnischen Fichte eine Kamera aufhängen kann. Und als Karate bei Olympia in Japan Gastsport war, wurden die Regeln verändert, damit auch Neulinge den Sport verstehen.“

Allgemein müsse man aber stark zwischen seriösem Journalismus und anderen Medien unterscheiden. „Der Journalismus unterliegt einem Ethos und möchte zunächst neutral über die für ihre Leser- oder Hörerschaft relevanten Themen berichten“, so Studiendekan Seeger. „Beim Social-Media-Kanal eines Vereins oder Verbands sieht das aber schon wieder ganz anders aus. Da gibt es eine intendierte Kommunikation, ein klares Narrativ.“

Spieler und Nationen werden zur Marke

Fußball und andere populäre Sportarten haben sich stark gewandelt. In den Siebzigern sang noch die gesamte Nationalmannschaft der Herren den schunkeligen Titelsong des Turniers, heute sind die großen Spieler millionenschwere Markenwelten. „In alten Dokumentationen sehen wir immer wieder, wie nah die Journalisten an den Spielern dran waren“, nickt Seeger. „Die konnten auch mal einem mit den Spielern des FC Bayern trinken gehen und dabei natürlich einiges aus dem Vereinsboulevard erfahren. Das findet heute kaum noch statt, weil die Spieler selbst zu Medienmarken geworden sind und zahlreiche Berater haben. Sie haben große Reichweiten und stehen für ganze Markenwelten, da gibt man sich in Interviews nicht mehr so offen und redselig wie früher. Es geht ja darum, die eigene Brand zu stärken.“

Gilt im Übrigen auch für das Turnier als Ganzes. Sportgroßereignisse wie die Fußball-WM oder die Olympischen Spiele werden für die ausrichtenden Staaten zunehmend politische Instrumente, um sich zu inszenieren und ihre Nation zu vermarkten. „Katar war da ein sehr gutes Beispiel, aber auch das deutsche Sommermärchen 2006. Davor hat uns in Deutschland ja niemand zugetraut, dass wir überhaupt lachen oder Freude empfinden können – und danach waren wir für die Welt viel sympathischer.“

Die Grenzen der Macht

Mit dem Start der WM der Männer wurde in Deutschland natürlich sehr genau darauf geschaut, welche Spieler Julian Nagelsmann in die Startelf beordert. Von Anfang an war auffällig, dass dieser eine Spieler namens Deniz Undav nicht auftauchte – egal, wie gut er nach dem Einwechseln in der Gruppenphase auch kickte. „Ich konnte nach den ersten drei Spielen dennoch nicht erkennen, dass Herr Nagelsmann Undav in die Startelf stellt, obwohl der mediale Druck erheblich war“, grinst Seeger. „Wer in irgendeiner Form in der Nationalmannschaft aktiv ist, weiß natürlich, dass er eine Person der Öffentlichkeit ist. Diese Menschen wissen, dass man mal etwas abfedern oder aushalten muss. Den Einfluss auf Funktionsträger und Entscheider sehe ich daher als überschaubar – solange es nicht um unverzeihliche Themen wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie geht. Dann muss sofort gehandelt werden.“

Ganz ohne Auswirkungen bleiben der Druck und die Dauerpräsenz in den Medien natürlich nicht. „Aus der Leistungspsychologie kenne ich den Effekt, dass übermäßige Selbstbeobachtung und ein strenger Fehlervermeidungsfokus eher dazu führen, dass Leistungen abfallen“, führt Seeger aus. „Das führt schnell zu einer Spirale. Nehmen wir nur mal Leroy Sané. Der junge Mann kann bestimmt mehr, als er zeigt. Und trotzdem hat er das Vertrauen des Bundestrainers. Die Medien fragen da auch ganz fleißig, warum er das hat, doch genau davon muss er sich freimachen. Sonst muss er gar nicht mehr auf den Platz laufen.“

Für ihn tragen die Medien dennoch eine Mitverantwortung für die mentale Gesundheit von Sportlern. „Kritisches Nachfragen ist ebenso essenziell wie eine faire Berichterstattung“, beginnt er und grenzt dann gleich ein: „Was aber noch lange nicht heißt, dass sich alle privaten Medien daran halten. Und die Shitstorms auf Social Media, die hat sowieso niemand im Griff. Wo ein Journalist einem Gerücht nachgeht und es dann vielleicht doch ignoriert, kann es anderswo schon gepostet werden. Das ist der typische Unterschied zwischen seriösen und unseriösen Medien. Es gab daher leider schon viele Sportler, die ihre sexuelle Orientierung oder Gleichgeschlechtlichkeit lieber nicht öffentlich zugegeben haben, weil sie das Echo in den Medien fürchteten.“

Die gute Seite von Social Media

Bei allem Clickbait, bei aller tendenziösen Berichterstattung hält die schöne neue Medienwelt bei einem großen Turnier wie der WM der Männer auch eine Menge schöner Momente bereit. Rudernde Norweger, Japaner, die das Stadion nach dem Spiel aufräumen, Schotten, die eine ganze Stadt bezaubern und die Biervorräte plündern. „Diese schönen Momente sind auch ein Teil der Algorithmisierung und funktionieren online ebenso wie Empörung oder Angst. Eindrücke wie diese hätte ein klassischer Journalist auch schon früher aufgegriffen“, ist sich Christof Seeger sicher, „doch die Wahrscheinlichkeit, dass er gerade dabei war, wenn die Schotten einen Pub leergetrunken haben, war eben deutlich geringer als heute, weil ja mittlerweile alles gefilmt wird.“

Generell hat Social Media den Sportjournalismus massiv transformiert. Dennoch sieht Christof Seeger genau darin eine Chance. „Was wir erleben, ist, dass gesellschaftliche Themen rund um ein solches Turnier immer größer und wichtiger werden“, erklärt er. „Eine solche Debatte gab es früher in dieser Form nicht. Homophobie und Rassismus, die Vergabe der WM oder die Einreisepolitik der USA, die Rolle des Iran, das sind alles diesmal zentrale wichtige Themen in den Medien. Da sehe ich eine echte Chance für den Journalismus. Es ist eben zum Glück nicht beliebig, wer Content produziert.“

Björn Springorum

Über den Autor

Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.

Björn Springorum

Freier Journalist und Schriftsteller