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Der Lehrer zeigt den Schülern Inhalte auf einem Tablet in einem hell beleuchteten Klassenzimmer.

27.07.2026

Wie das Land die digitalen Kompetenzen von Lehrkräften stärken will

DigCompEdu-BW ist ein Kompass für Lehrkräfte. Der Kompetenzrahmen zeigt, wo sie bei ihren digitalen Kompetenzen stehen, welche Fähigkeiten sie weiterentwickeln können und welche Fortbildungen sie dabei am besten unterstützen. Irmi Mühlhuber, vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) über Hintergrund, Anwendung und Ziele.

Lesezeit: 11 Minuten

Schulen stecken mitten in der digitalen Transformation. Damit diese reibungsloser und effektiver vorangebracht werden kann, hat Baden-Württemberg mit DigCompEdu-BW einen Orientierungsrahmen für die digitalen Fähigkeiten von Lehrkräften eingeführt. Er beschreibt, welche digitalen Kompetenzen Lehrkräfte heute brauchen, dient aber auch als Orientierung für Fortbildungen und hilft Lehrkräften, ihre digitalen Kompetenzen gezielt weiterzuentwickeln. Irmi Mühlhuber, Referatsleiterin des Referats für Digitalisierung, Medienbildung am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung, über die Vorteile dieses Tools.

„Besonders während der Corona-Pandemie wurde deutlich, wie unterschiedlich digitale Kompetenzen verstanden wurden.“

 

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und soziale Medien verändern Schule und Unterricht kontinuierlich. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Lehrkräfte?

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und soziale Medien bringen für Lehrkräfte gleichermaßen Herausforderungen wie große Chancen mit sich. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass Schülerinnen und Schüler heute jederzeit über mobile Endgeräte oder Wearables auf digitale Medien und KI-Anwendungen zugreifen können. Dadurch lassen sich viele Aufgaben scheinbar mühelos lösen, ohne dass es einer eigenen kognitiven Auseinandersetzung bedarf. Gleichzeitig können insbesondere soziale Medien sehr ablenkend sein, wenn die notwendigen Medienkompetenzen und Fähigkeiten zur Selbstregulation fehlen. Auf der anderen Seite bieten digitale Medien enorme Potenziale für guten Unterricht. Sie unterstützen Lehrkräfte dabei, Unterricht vor- und nachzubereiten, Materialien passgenau aufzubereiten sowie Lernangebote stärker zu individualisieren und zu differenzieren – gerade mit Blick auf heterogene Lerngruppen. Richtig eingesetzt können digitale Medien Lernprozesse zudem interaktiv gestalten, Interesse wecken und Schülerinnen und Schüler kognitiv aktivieren. Um diese Potenziale bewusst und pädagogisch sinnvoll zu nutzen, benötigen Lehrkräfte entsprechende digitale Kompetenzen. Das gilt umso mehr, als sie ihre Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen sollen, selbst einen kompetenten und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund hat Baden-Württemberg mit DigCompEdu-BW einen Kompetenzrahmen für die digitalen Kompetenzen von Lehrkräften entwickelt. Was steckt dahinter und welches Ziel wird damit verfolgt?

Das zentrale Ziel von DigCompEdu-BW ist die umfassende Stärkung der digitalen Kompetenzen von Lehrkräften – und zwar in einem bewusst breit verstandenen Sinn. Wenn wir heute darüber sprechen, was digitale Kompetenzen eigentlich sind, stellt sich oft heraus, dass jeder eine andere Vorstellung davon hat. Für die einen stehen die Medienproduktion oder die Erstellung von Audio- und Videodateien im Vordergrund, für andere sind es Office-Anwendungen, Präsentationen, Tabellenkalkulationen oder die Gestaltung digitaler Lernumgebungen. Ein einheitliches Verständnis gab es bislang nicht. Besonders während der Corona-Pandemie wurde deutlich, wie unterschiedlich digitale Kompetenzen verstanden wurden. Häufig galt bereits als digital kompetent, wer Unterrichtsmaterialien und Lernangebote erfolgreich vom analogen in ein digitales Format übertragen konnte. Mit DigCompEdu-BW verfügen wir nun erstmals über einen klar beschriebenen Kompetenzrahmen, der definiert, was unter digitalen Kompetenzen von Lehrkräften zu verstehen ist. DigCompEdu-BW basiert auf dem europäischen Kompetenzrahmen DigCompEdu und wurde für Baden-Württemberg weiterentwickelt. Dabei wurden sowohl aktuelle Entwicklungen als auch die Rahmenbedingungen und die Begrifflichkeiten des Landes berücksichtigt.

„Die Kompatibilität zum europäischen Original sowie zu den Ländern, die DigCompEdu bereits für ihre Bildungssysteme adaptiert haben, bleibt erhalten.“

 

Wann wurde die Entwicklung von DigCompEdu-BW angestoßen und warum hielt das ZSL diesen Schritt für notwendig?

Die Entwicklung bis hin zu DigCompEdu-BW war tatsächlich ein längerer Prozess. Ausgangspunkt war der europäische Kompetenzrahmen DigCompEdu, der bereits 2017 veröffentlicht wurde. Etwa zur gleichen Zeit beschäftigte sich auch die Kultusministerkonferenz intensiv mit dem Thema digitale Kompetenzen. Daraus entstand das Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“. Darin wurden insbesondere die digitalen Kompetenzen beschrieben, die Schülerinnen und Schüler während ihrer Schulzeit erwerben sollen. In allen Bundesländern wurden daraufhin Maßnahmen angestoßen, um diese Kompetenzen zu etablieren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die digitalen Kompetenzen von Lehrkräften systematisch aufgebaut und weiterentwickelt werden müssen. Im Jahr 2020 wurde schließlich die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz, die SWK, eingerichtet. In ihrem ersten Gutachten untersuchte sie, wie gut das Strategiepapier „Bildung in der digitalen Welt“ in den Ländern tatsächlich umgesetzt wurde. Das Ergebnis zeigte, dass bei den digitalen Kompetenzen von Lehrkräften bundesweit noch deutlicher Entwicklungsbedarf besteht. Daraufhin veröffentlichte die Kultusministerkonferenz ein Ergänzungspapier zum Strategiepapier. Darin wurden konkrete Maßnahmen beschrieben, wie die Kompetenzentwicklung von Lehrkräften unterstützt werden kann. Eine dieser Maßnahmen war die Empfehlung an die Länder, einen Kompetenzrahmen für digitale Kompetenzen zu entwickeln. Dieser kann in allen Phasen der Lehrkräftebildung – vom Studium über den Vorbereitungsdienst bis hin zur Fortbildung – eingesetzt werden und dient als gemeinsamer Orientierungsrahmen. Die Länder konnten dabei entscheiden, ob sie einen eigenen Kompetenzrahmen entwickeln oder den europäischen DigCompEdu an ihre jeweiligen Gegebenheiten anpassen. Baden-Württemberg hat sich bewusst für die zweite Variante entschieden. So bleibt die Kompatibilität zum europäischen Original sowie zu den Ländern, die DigCompEdu bereits für ihre Bildungssysteme adaptiert haben, beispielsweise Italien, Spanien oder Estland, erhalten. Inzwischen orientieren sich auch die meisten Bundesländer ebenfalls an DigCompEdu, sodass heute eine gute Vergleichbarkeit über die Landesgrenzen hinaus besteht.

„Eine Lehrkraft wird nicht automatisch digital kompetent, nur weil sie beispielsweise in jeder Unterrichtsstunde ein Arbeitsblatt unter die Dokumentenkamera legt und an die Wand projiziert.“

 

Wie wurde das Modell konzipiert und welche Akteure waren daran beteiligt?

Bei der Erstellung von DigCompEdu-BW orientierten wir uns möglichst eng am europäischen Original. Gleichzeitig identifizierten wir aber ganz bewusst alle Stellen, an denen das Original nicht zu den bestehenden Rahmenbedingungen in Baden-Württemberg passt. Das betrifft insbesondere die Begrifflichkeiten. Von Beginn an war es uns außerdem wichtig, alle relevanten Akteure einzubinden. Deshalb haben wir umfangreiche Beteiligungsphasen mit den Institutionen der Lehrkräftebildung in Baden-Württemberg durchgeführt. Neben den zuständigen Abteilungen des ZSL für die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen waren auch das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW), das Landesmedienzentrum sowie die Seminare für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte beteiligt. Die Besonderheit von DigCompEdu besteht darin, dass digitale Kompetenzen nicht einfach als vorhanden oder nicht vorhanden betrachtet werden. Vielmehr beschreibt der Kompetenzrahmen verschiedene Ausprägungsstufen – von einer ersten Auseinandersetzung mit einem Thema bis hin zur Fähigkeit, Systeme weiterzuentwickeln und Innovationen anzustoßen. Im europäischen Original werden diese Kompetenzstufen allerdings überwiegend quantitativ beschrieben. Vereinfacht gesagt gilt eine Person dort als umso kompetenter, je häufiger sie digitale Medien einsetzt. Genau an dieser Stelle sahen wir einen Anpassungsbedarf. Denn eine Lehrkraft wird nicht automatisch digital kompetent, nur weil sie beispielsweise in jeder Unterrichtsstunde ein Arbeitsblatt unter die Dokumentenkamera legt und an die Wand projiziert. Deshalb war es uns wichtig, die Kompetenzstufen stärker qualitativ zu beschreiben. Entscheidend ist nicht, wie oft digitale Medien eingesetzt werden, sondern wie sie eingesetzt werden. Wenn eine Lehrkraft Lernmaterialien beispielsweise digital, interaktiv und mit integrierter Wissensüberprüfung sowie individuellem Feedback bereitstellt, dann ist das aus unserer Sicht ein Ausdruck deutlich höherer digitaler Kompetenz.

„Jede Lehrkraft muss für sich entscheiden, welche Kompetenzen für die eigene Unterrichtssituation den größten Mehrwert bieten.“

 

Wie würden Sie den aktuellen Stand der Digitalkompetenz der Lehrkräfte in Baden-Württemberg einschätzen? Gibt es Bereiche, in denen die Lehrkräfte bereits sehr gut aufgestellt sind?

Diese Frage ist tatsächlich gar nicht so einfach zu beantworten. Aus meiner Sicht haben wir aktuell eine sehr große Heterogenität bei den digitalen Kompetenzen von Lehrkräften – vermutlich sogar die größte Heterogenität, die wir bisher hatten. Ich glaube, dass insbesondere der DigitalPakt Schule, also die deutlich verbesserte Ausstattung der Schulen mit digitalen Endgeräten, sowie die Corona-Pandemie sehr stark dazu beigetragen haben. Während der Pandemie bestand für viele Lehrkräfte ein starker Anreiz – man könnte auch sagen eine Notwendigkeit –, sich intensiv mit digitalen Medien und digitalen Lehr-Lern-Prozessen auseinanderzusetzen. Viele Lehrkräfte entwickelten sich in diesem Bereich eigeninitiativ stark weiter. Andere Lehrkräfte hingegen taten dies während der Pandemie und auch im Zuge des DigitalPakts deutlich weniger. Dadurch wuchs die Spannbreite der digitalen Kompetenzen im Laufe der letzten Jahre weiter. Diese Beobachtung teilen auch viele unserer Fortbildenden. Die Teilnehmenden bringen häufig sehr unterschiedliche Kompetenzniveaus mit, sodass es gar nicht einfach ist, eine Fortbildung so zu gestalten, dass sie für alle gleichermaßen passend ist. Genau hier liegt eine große Chance von DigCompEdu-BW. Der Kompetenzrahmen ermöglicht es uns, Fortbildungsangebote niveaudifferenziert auszuschreiben und anzubieten. Wenn eine Fortbildung beispielsweise für Lehrkräfte auf den Kompetenzstufen A1 oder A2 konzipiert ist, also eher für Einsteigerinnen und Einsteiger, dann weiß eine Lehrkraft, die sich selbst bereits auf dem Kompetenzniveau C einschätzt, dass dieses Angebot wahrscheinlich nicht passend ist. Dadurch erreichen wir eine deutlich bessere Passung zwischen Angebot und Nachfrage und vermeiden Frustration – sowohl bei den Teilnehmenden als auch bei den Fortbildenden.

Und in welchen Kompetenzfeldern sehen Sie derzeit den größten Entwicklungsbedarf?

Ich würde an der Stelle gar nicht sagen, dass es einzelne Kompetenzbereiche gibt, die grundsätzlich wichtiger sind als andere. Wenn ich dennoch Bereiche hervorheben müsste, dann wären das vor allem diejenigen, die sich unmittelbar auf die Schülerinnen und Schüler auswirken. Dazu gehört insbesondere der Kompetenzbereich 3 „Lehren und Lernen“, also die Frage, wie digitale Medien lernförderlich eingesetzt werden können. Einen ebenso hohen Stellenwert hat aus meiner Sicht der Kompetenzbereich 6 „Kompetenzen von Lernenden“. Schließlich ist es eine zentrale Aufgabe von Lehrkräften, Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, selbst digitale Kompetenzen zu entwickeln. Daneben spielen aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle, beispielsweise der Schutz personenbezogener Daten oder der rechtssichere Umgang mit lizenzierten Materialien. Insgesamt ist es wahrscheinlich aber gar nicht sinnvoll zu sagen, dass bestimmte Kompetenzbereiche grundsätzlich wichtiger sind als andere. Vielmehr muss jede Lehrkraft für sich entscheiden, welche Kompetenzen für die eigene Unterrichtssituation den größten Mehrwert bieten. Lehrkräfte verfügen – wie wir alle – nur über begrenzte Zeitressourcen, um sich professionell weiterzuentwickeln. Deshalb ist es wichtig, die eigene Kompetenzentwicklung an den individuellen Rahmenbedingungen und den Anforderungen des eigenen Unterrichts auszurichten. Auf die dafür benötigten Kompetenzen sollte dann ein besonderer Schwerpunkt gelegt werden.

„Die Erfassung digitaler Kompetenzen ist eine Herausforderung, an der wir aktuell auch arbeiten.“

 

Wie lässt sich die Digitalkompetenz von Lehrkräften überhaupt valide erfassen? Welche Rolle spielen Selbsteinschätzungen, und wo liegen deren Grenzen?

Die Erfassung digitaler Kompetenzen ist tatsächlich eine Herausforderung, an der wir aktuell auch arbeiten. Es gibt verschiedene Selbsteinschätzungstools, unter anderem auch von der Europäischen Union, mit denen digitale Kompetenzen erfasst werden sollen. Diese Instrumente haben mit Sicherheit alle ihre Berechtigung. Gleichzeitig handelt es sich aber um Selbsteinschätzungen, die grundsätzlich mit verschiedenen Verzerrungen (Bias) verbunden sein können. Ein Beispiel ist, dass sich Lehrkräfte, die bereits über ein hohes Kompetenzniveau verfügen, häufig eher kritischer einschätzen. Wer genau weiß, was beispielsweise notwendig ist, um das Niveau C2 zu erreichen, erkennt auch sehr deutlich, was er oder sie noch nicht kann. Umgekehrt wissen Personen, die noch am Anfang stehen, oft gar nicht, was ihnen noch fehlt, und schätzen sich deshalb tendenziell eher besser ein, als sie tatsächlich sind. Hinzu kommen weitere bekannte Effekte wie die Tendenz zur Mitte oder die Neigung, ähnliche Kompetenzniveaus über verschiedene Bereiche hinweg zu vergeben, ohne die Unterschiede im Detail zu betrachten. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist: Wer sich mit einem Instrument wie DigCompEdu-BW einschätzen möchte, muss zunächst verstehen, was mit den einzelnen Kompetenzbeschreibungen auf den verschiedenen Niveaustufen überhaupt gemeint ist. Die Kompetenzformulierungen sind bewusst allgemein gehalten, damit sie möglichst langfristig gültig bleiben und nicht ständig an neue Entwicklungen angepasst werden müssen. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass man zu jeder Beschreibung ein möglichst konkretes Beispiel im Kopf haben muss, um beurteilen zu können, ob sie tatsächlich auf das eigene Handeln zutrifft. Allein das setzt bereits eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kompetenzrahmen voraus und ist eine wichtige Voraussetzung für eine möglichst valide Selbsteinschätzung.

Wie kann man da unterstützend eingreifen?

Wir arbeiten derzeit an einem Instrument, das diese Verzerrungen möglichst reduzieren soll. Das Ziel ist es, ein Self-Assessment-Tool zu entwickeln, das auf konkreten Situationen aus der Arbeits- und Lebenswelt von Lehrkräften basiert. Für jede Situation werden verschiedene Handlungsszenarien angeboten. Die Lehrkraft entscheidet sich jeweils für das Szenario, das dem eigenen Handeln am ehesten entspricht. Aus diesen Entscheidungen lassen sich anschließend Rückschlüsse auf das Kompetenzniveau in den verschiedenen Teilkompetenzen ziehen. Perspektivisch möchten wir dieses Self-Assessment-Tool direkt mit unseren Fortbildungsangeboten verknüpfen. Wer sich das bereits heute ansehen möchte, findet auf unserer Homepage schon eine Übersicht, welche Fortbildungen den einzelnen Teilkompetenzen von DigCompEdu-BW zugeordnet sind.

„Damit steigen auch die Anforderungen an die digitalen Kompetenzen der Lehrkräfte selbst.“

 

Wie wird DigCompEdu-BW konkret in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften eingesetzt?

Im Bereich der Fortbildung verfolgen wir das Ziel, Angebote für alle Niveaustufen und alle Teilkompetenzen von DigCompEdu-BW bereitzustellen. Mithilfe von DigCompEdu-BW haben wir unsere bestehenden Fortbildungsangebote systematisch analysiert und geprüft, welche digitalen Teilkompetenzen bereits gut abgedeckt sind und in welchen Bereichen noch Lücken bestehen. Diese Lücken haben wir anschließend gezielt geschlossen, sodass wir Lehrkräften heute Fortbildungsangebote zu allen Teilkompetenzen und auf allen Niveaustufen anbieten können. In der Ausbildung von Lehrkräften ist der Ansatz etwas anders. Hier wird derzeit überlegt, verbindliche Standardniveaus für die digitalen Kompetenzen festzulegen, die angehende Lehrkräfte bis zum Abschluss ihres Vorbereitungsdienstes erreichen sollen. Die Ausbildung in den verschiedenen Bereichen wird beziehungsweise soll entsprechend so gestaltet werden, dass alle Lehrkräfte in Ausbildung die Möglichkeit haben, dieses angestrebte Kompetenzniveau tatsächlich zu erreichen.

Mit der Leitperspektive Medienbildung beziehungsweise entsprechenden Vorgaben im Curriculum spielt digitale Bildung eine immer größere Rolle. Welche Anforderungen stellt das an Lehrkräfte?

Die Leitperspektive Medienbildung ist bereits seit 2016 Teil des Bildungsplans und damit als verbindliche Vorgabe für Lehrkräfte fest verankert. Mit der Bildungsreform G9 wird es künftig eine neue Leitperspektive geben: „Leben und Lernen in einer digitalisierten Welt“. Die Besonderheit dieser neuen Leitperspektive besteht darin, dass der Begriff der digitalen Kompetenzen deutlich breiter gefasst wird. Während in der bisherigen Leitperspektive Medienbildung vor allem die Gestaltung von Medienprodukten im Mittelpunkt stand, geht es künftig um ein wesentlich umfassenderes Verständnis digitaler Kompetenzen. Dabei erkennen wir eine sehr deutliche Anlehnung an den DigCompEdu-BW. Die neue Leitperspektive wurde ganz bewusst so gestaltet, dass sie inhaltlich gut zu DigCompEdu-BW passt. Für Lehrkräfte bedeutet das, dass diese umfassenden digitalen Kompetenzen künftig noch stärker Bestandteil des Bildungsplans sein werden. Damit steigen auch die Anforderungen an die digitalen Kompetenzen der Lehrkräfte selbst. Sie müssen über das notwendige Kompetenzniveau verfügen, um diese Kompetenzen im Unterricht gezielt fördern zu können.

„Technisches Wissen allein reicht nicht aus.“

 

Welche Bedeutung hat dabei die pädagogische Kompetenz im Vergleich zur reinen technischen Kompetenz?

Diese Frage stellt aus meiner Sicht einen Gegensatz her, den es in DigCompEdu-BW so nicht gibt. Pädagogische und technische Kompetenzen werden dort nicht gegeneinandergestellt. Digitale Kompetenzen im Sinne von DigCompEdu-BW umfassen vielmehr immer beides – und genau das ist auch notwendig. Nur wenn ich mit einem digitalen Medium sicher umgehen kann, kann ich es auch lernförderlich einsetzen. Umgekehrt reicht technisches Wissen allein nicht aus. Ich muss auch wissen, wie ich Lehr-Lern-Situationen pädagogisch und didaktisch sinnvoll gestalte, um die passenden digitalen Medien und Lernressourcen gezielt auswählen zu können. Diese beiden Aspekte müssen deshalb immer Hand in Hand gehen. Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht einen lernförderlichen Einsatz digitaler Medien im Unterricht.

Welche digitalen Kompetenzen werden Lehrkräfte in den kommenden fünf bis zehn Jahren besonders benötigen?

Fünf bis zehn Jahre sind im Bereich der digitalen Kompetenzen eine sehr lange Zeit. Gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz trauen sich selbst Expertinnen und Experten derzeit oft nur, Entwicklungen für etwa ein bis eineinhalb Jahre seriös einzuschätzen. Genau das zeigt aber bereits, welche Kompetenzen künftig besonders wichtig sein werden. Wir müssen davon ausgehen, dass sich digitale Technologien auch weiterhin sehr dynamisch entwickeln. Deshalb werden Lehrkräfte und auch junge Menschen vor allem die Fähigkeit benötigen, sich auf neue Entwicklungen einzustellen und diese aktiv für sich nutzbar zu machen. Gerade mit Blick auf Künstliche Intelligenz gewinnen dabei Basiskompetenzen zunehmend an Bedeutung. Um KI gewinnbringend, verantwortungsbewusst und effektiv für qualitativ hochwertige Ergebnisse nutzen zu können, muss man heute nicht mehr programmieren können. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, Anforderungen und Problemstellungen präzise zu formulieren sowie Prozesse klar beschreiben zu können. Genau diese Kompetenzen werden künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Neue digitale Technologien machen Basiskompetenzen deshalb nicht weniger wichtig – ganz im Gegenteil. Da wir Systeme und Anwendungen zunehmend nicht nur mit natürlicher Sprache bedienen, sondern auch gestalten können, wird es immer wichtiger, Sachverhalte präzise zu analysieren, kreative Lösungen zu entwickeln und diese klar zu formulieren. Und aus meiner Sicht gehört dazu immer auch eine gute Prise Neugier – und vor allem die Freude daran, neue Dinge auszuprobieren, Potenziale zu entdecken und neue Lösungswege zu finden.

Björn Springorum

Über den Autor

Björn Springorum ist freier Journalist und Schriftsteller. Er schreibt u.a. für die Stuttgarter Zeitung, den Tagesspiegel und konzipiert Comic-Geschichten für „Die drei ???". Als Schriftsteller hat er bislang fünf Kinder- und Jugendbücher verfasst. Zuletzt erschienen: „Kinder des Windes" (2020), Thienemann Verlag. Er lebt in Stuttgart.

Björn Springorum

Freier Journalist und Schriftsteller