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Junger Hacker nutzt digitale Kartenschnittstelle. Globales Geschäfts- und Diebeskonzept. Doppelte Belichtung

12.06.2026

„Dead Internet Theory“: Wie viel Mensch steckt noch im World Wide Web?

Die Dead Internet Theory behauptet, dass der Großteil des heutigen WWW nicht mehr von echten Menschen, sondern von Bots, Algorithmen und KI-generierten Inhalten dominiert wird. Aber surfen wir wirklich durch ein Netz der Geister? Oder handelt es sich eher um eine überspitzte Kritik an einem Internet, in dem es immer schwieriger wird, menschliche Stimmen von künstlich erzeugten Inhalten zu unterscheiden?

Lesezeit: 7 Minuten

Ein Netz der Geister?

Ist das Internet tot, verlassen von allen guten Geistern und fest in der Hand von Bots und KI-Inhalten? Man kann beim Doomscrollen durch Social Media durchaus diesen Eindruck bekommen. Wo früher echte menschliche Interaktion herrschte, interagieren Bots mit Bots, bestimmt der Algorithmus, was ich zu lesen bekomme. Eine aktuelle Studie beweist, dass erstmals in der Geschichte des Internets Bots mehr Traffic verursachen als menschliche User. Ein Wendepunkt, der für Prof. Dr. Wolfgang Schweiger lange absehbar war. Der Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft (insbesondere interaktive Medien- und Onlinekommunikation) an der Universität Hohenheim weist aber darauf hin, dass es weiterhin unheimlich schwer ist, echten Traffic von künstlich generiertem zu unterscheiden. „Bots werden immer cleverer, weswegen es unheimlich schwer ist, sie nachzuweisen. Es passiert im Internet viel zu viel, als dass wir das auch nur ansatzweise verfolgen könnten.“

Empirische Belege für ein Netz der Geister gibt es eigentlich nicht. Allerdings basiert die Theorie auf realen Entwicklungen: automatisierte Social-Media-Accounts, Content-Farmen und der rasante Anstieg von KI-generierten Texten, Bildern und Videos verändern tatsächlich die digitale Landschaft. Die Dead Internet Theory ist daher weniger eine nachgewiesene Verschwörung als vielmehr eine überspitzte Kritik an einem Internet, in dem es immer schwieriger wird, echte menschliche Stimmen von künstlich erzeugten Inhalten zu unterscheiden. „Da nehme ich mich selbst nicht raus“, sagt Wolfgang Schweiger. „Und ich misstraue jeder Person, die sagt, dass sie KI-generierte Inhalte immer sofort erkennen kann.“

Schöne neue Welt

Das Internet verändert sich natürlich stetig weiter. Und somit auch unser User-Verhalten. Die frühen Tage waren die Zeit der privaten Homepages und Foren, zu Beginn des neuen Jahrtausends übernahmen die sozialen Medien nach und nach das Zepter, bevor App-basierte Inhalte und schließlich KI alles grundlegend transformierten. „Wir stehen gerade am Anfang einer gewaltigen Transformation“, so Schweiger. „Immer weniger Arbeitsschritte kommen ohne künstliche Intelligenz aus – ganz gleich, in welcher Branche. Das wird Phänomene wie die Dead Internet Theory natürlich befeuern. Die Frage ist daher, wie viel Mensch irgendwann übrig bleiben wird.“

Wolfgang Schweiger weiß natürlich, dass dieser Prozess nicht aufzuhalten ist. Und eher angenommen werden sollte. „KI ist ja nicht per se etwas Schlechtes, sondern ein äußerst nützliches Tool, wenn man weiß, wie man es anwendet. Als Problem sehe ich eher diese Masse an wertlosem KI-Content und Deep Fakes. Irgendwann werden wir nur noch wenigen Inhalten vertrauen können. Der Rest wird ein riesiges weißes Rauschen im Netz sein. Unsere Informationswelt wird sich dramatisch verändern und ich bin bei aller Sorge auch wahnsinnig gespannt, was in den nächsten Jahren alles passiert.“

Kein Gegentrend in Sicht

Bei allem Vormarsch von KI-generiertem Content stellen viele Menschen schon jetzt eine gewisse Übersättigung fest. Dennoch sieht Wolfgang Schweiger auch die Unlust an der falschen Plastik-Welt von KI-Bildern und Videos als nicht groß genug für einen Gegentrend. „Bewegungen wie diese gibt es immer, das gab es ja auch schon bei Social Media, aber KI wird nicht aufzuhalten sein. Allein aus monetärer Sicht ist das ein viel zu großer Markt.“ In der Tat: Nach Schätzungen der global tätigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC beläuft sich der potenzielle Beitrag der Künstlichen Intelligenz (KI) zur Weltwirtschaft auf eindrucksvolle 13,4 Billionen Euro in den kommenden zwölf Jahren. Für Deutschland wird der Beitrag der KI zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im selben Zeitraum auf 11,3 % geschätzt. Dafür scheinen viele Menschen willig zu sein, das Internet den Bots zu überlassen.

Das hat gravierende Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Es bleibt nicht ohne Folgen für unsere Wahrnehmung, wenn wir pausenlos automatisierten oder künstlich generierten Inhalten ausgesetzt werden. Schweiger: „Schon jetzt rezipieren viele Nutzer keine erstellten Inhalte mehr und fragen direkt die KI. Immer weniger Menschen konsultieren die Wikipedia oder nutzen eine klassische Suchmaschine. Sie verlassen sich auf das, was ein Chatbot ihnen sagt. Dadurch verliert seriöser Journalismus zunehmend an Bedeutung – und ein wissenschaftlich fundiertes Paper auch.“ Was für eine Gefahr das für die Demokratie ist, steht außer Frage.

Mehr Menschsein wagen

Eine deutlich geringere Gefahr sieht Wolfgang Schreiber für unterhaltende Inhalte. „Da soll es bitteschön immer noch menscheln“, meint er mit einem Lächeln. „Und vielleicht könnte das ja eine Lösung sein: Anstatt akademisch wertvoll aufbereitender, neutraler Texte müssen vielleicht auch seriöse Beiträge künftig menscheln und emotionaler wirken. Alles andere kann die KI eh besser.“ Als Beispiel zieht er das Online-Angebot von funk heran, die nahbar und Ich-bezogen arbeiten. Und dadurch viele junge Menschen erreichen. „Das Menschliche wird an Bedeutung gewinnen“, sagt er. Und das ist im Grunde nicht mal die schlimmste Vorstellung.

Das Internet, so Wolfgang Schweiger, wird es auch in Zukunft geben. Es wird aber irgendwann nicht mehr als das Web zu erkennen sein, das uns die letzten Jahre begleitet hat. „Wir werden eine perfekte Personalisierung erleben“, schildert er. „Es wird nicht mehr dieses Internet für alle geben. An seine Stelle tritt eine Informationsstruktur, die perfekt auf jeden User zugeschnitten ist. Das klassische Surfen oder Browsen wird ein Relikt der Vergangenheit sein.“ Wie immer eben im WWW – Dinge kommen und gehen. Und der Mensch verändert sich mit ihnen.